Vollmond

Geheimnisvoller Mond

Garant für Mythen

Von Peter Weber

Das Verhältnis des Menschen zum Mond, der dem Unbegreiflichen der eigenen Existenz in den Weiten des Weltalls doch wenigstens etwas von ahnender Anschauung verleiht, ist von unvergleichlicher Komplexität und Ambivalenz. Das hat es gerade Schriftstellern immer wieder zum Thema werden lassen.

Wie dem jungen Romantiker Ludwig Tieck, der seinen Franz Sternbald ganz im Bann des Mondes zeigt, „er suchte auf dem glänzenden Runde und in den Flecken Berge und Wälder, wunderbare Schlösser und zauberische Gärten voll fremder Blumen und duftender Bäume; er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen und ziehenden Schiffen wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug, und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. ‚Ach dort! dort!‘ rief er aus, ‚ist vielleicht die Heimat aller Sehnsucht, aller Wünsche …“. Eine Hingabe, die der aller Verklärung – außer der der Frauen natürlich – abholde Heinrich Heine schnell wieder zurück auf die Erde holt, gilt sie doch in seiner „Harzreise“ einem vom Naturerlebnis und vom Weingenuss gleichermaßen enthusiasmierten Brockenwanderer irrtümlich einer aus dem Dunkel seiner Unterkunft hervorleuchtenden gelben Lederhose: „Schön bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit!“
Ob der Erdtrabant als guter Mond stille seine Bahn zieht oder als bleicher Geselle den Freiern Turandots das letzte Stündlein weist, ob er als Goethescher Seelentröster fungiert oder im trostlosen Märchen des Büchnerschen „Woyzeck“ als ein „Stück faul Holz“ sich erweist, ob er als Honeymoon Liebestrunkene mild bescheint oder in Alabama nach Whiskey Dürstende zur nächsten Bar geleitet, in den menschlichen Projektionen ist er sowohl entrückter Sehnsuchtsort als auch Ausbund stoischer Indifferenz, der unbeeindruckt vom menschlichen Treiben dort oben seine Bahn zieht. Doch kalt lässt er die Menschen nie. In den Schöpfungsmythen der Völker ist er göttlichen Ursprungs, mal männlichen, mal weiblichen Geschlechts, mal in Feindschaft mit seinem Widerpart, der Sonne, lebend, mal mit ihr in Liebe verbunden, in ewigem Streit befindlich oder in Harmonie im ewigen Wandel des Lichts sich umkreisend. So auch bei den alten Griechen, denen Hekate, die finstere, zauberische Wächterin der Unterwelt, zugleich die Göttin des abnehmenden Mondes ist, die Göttin des zunehmenden Mondes hingegen, Ausgleich muss sein, die bezaubernde, mit einer Mondsichel gekrönte Selene, Schwester der Morgenröte und des Sonnengottes Helios.
Die Menschheit, nicht erst seit der Romantik „in Betrachtung des Mondes“ begriffen, hat sich einiges einfallen lassen, um ihn, der in seinem Wesen ihr nicht recht geheuer, für sich zu vereinnahmen. Da gibt schon sein fleckiges, schrundiges Antlitz reichlich Nahrung für verwegene Fantasien. Da das menschliche Auge dazu neigt, ungegenständliche Formen zu Figuren seiner Lebenswelt zu machen, bzw. Fragmentarisches zu geschlossener Form zu ergänzen, hat man es zu allen Zeiten unternommen, in die Oberfläche des Mondes in langer Unkenntnis des geologischen Ursprungs seiner „Meere“ und Kraterlandschaften allerlei Gestalten hineinzuinterpretieren, deren prominenteste natürlich das allseits bekannte Mondgesicht ist, über das sich bereits der antike Dichter Plutarch seine Gedanken machte.
Doch andere Kulturen, andere Vorstellungswelten. So meinen Afrikaner, im Mond ein Krokodil zu erkennen, in der alten nordischen Welt hingegen zwei Geschwister, die einen Wassereimer tragen, mal sieht man weidende Mondkälber und in Asien gar einen Hasen aus seinem Antlitz erwachsen. Der Hase, im Buddhismus hoch angesehen, gilt als Verkörperung von Fruchtbarkeit, Wiedergeburt und Selbstaufopferung. Bot er doch der Legende nach dem irdischen Buddha, als dieser einst erschöpft und hungrig war, sich selbst zur Mahlzeit an und sprang als Grillgut in die Glut eines Feuers - nicht jedoch, bevor er sein Fell von einigen Flöhen befreit hatte, um diese vor dem Tod zu bewahren. Der Gott, tief gerührt von solcher Selbstlosigkeit, entschied, dass der Hase von nun an auf dem Mond ewigen Frieden finden und als leuchtendes Vorbild dienen solle.
Aber wie gesagt, so ganz traut man dem guten Mond nicht über den Weg. Der stetige Wechsel seiner Lichtgestalt wird auch als Ausweis seiner Unbeständigkeit angesehen und er bleibt eben ein Gestirn der Nacht, der angstbesetzten. Da liegt es auf der Hand, ihn als Verbannungsort für Wesen zu betrachten, die auf irgendeine Weise Schuld auf sich geladen haben. Und so sitzt er denn dort oben, der Mann (oder die Frau) im Mond und muss für alle Zeiten harren oder besser, sein Päckchen tragen, denn er hat bereits zu alttestamentarischer Zeit den Frevel begangen, am Sabbat Holz zu sammeln. Er ward darob laut dem 4. Buch Mose gesteinigt, in christlicher Version zeigt man allerdings Erbarmen und schickt ihn samt seinem Reisigbündel zur Strafe und zur Mahnung auf den Mond, wo er zu einem boshaften Wesen mutiert. Diese Boshaftigkeit wird in Sagen und Märchen zuweilen dem ganzen Mond zugeschrieben. So ist er im Grimmschen Märchen von den sieben Raben ein menschenfressendes, blutgieriges Ungeheuer, andernorts verbreitet er giftigen Hauch, ist stummer Zeuge nächtlicher Verbrechen oder Zuflucht Luzifers.
Obwohl in einer mondbeschienenen Maiennacht angesiedelt, hat sich ein ausgesprochen turbulentes Geschehen, das solche Mondmythen munter miteinander verquickt, zu einem robusten Klassiker der Weihnachtszeit entwickelt: das Theaterstück „Peterchens Mondfahrt“, verfasst im Jahre 1912 von dem Mecklenburger Literaten Gerdt von Bassewitz, dem ansonsten kein bleibendes Werk beschieden war.
Auf der Suche nach dem sechsten Bein des Maikäfers Sumsemann, das er beim Treiben des besagten Holzfrevlers verloren hat, hebt eine abenteuerliche Reise zum Mond an, auf der die Kinder Peter und Anneliese (die wurde als Mädchen im Titel einfach unterschlagen) den Käfer begleiten. Denn die Fee der Nacht hat ihm versprochen, dass er hier, wohin sie den Frevler zur Strafe verbannt hat, sein Beinchen wiedererlangen könne. Auf ihrer Reise begegnen die Drei einem wahren Panoptikum märchenhafter Gestalten und Landschaften und werden – Höhepunkt jeder Theaterinszenierung – per Riesenkanone auf den Mondberg geschossen. Dort müssen sie vor dem grauslichen Mondmann die Flucht ergreifen, aber Sumsemanns Bein ist gerettet und Peter und Anneliese sind schlussendlich wieder zurück in ihrem Zimmer. Märchenhafter geht nicht! Der Verfasser dieser Zeilen war jedenfalls tief beeindruckt, als er im zarten Kindesalter, ausstaffiert mit Brause und Knabberkram, der Verfilmung des Stückes vor der kleinen Flimmerkiste eines Dorfgasthauses in Wehrbergen beiwohnen durfte.
Die Reise zum Mond ist denn auch ein Traum, der seit alters her die Fantasien beflügelt, von Johannes Kepler, der die mittels Opium ruhiggestellten Passagiere per Dämon hinaufbefördern lässt, bis Jules Verne, bei dem dies in einem riesigen Geschoss vonstatten geht, vom Baron Münchhausen, den die Ranken einer türkischen Bohne auf den Mond verhelfen, bis Jacques Offenbach, in dessen Oper ein nervender Prinz von seinen Eltern auf den Mond geschossen wird, sind die Erdenker lunarer Exkursionen ungezählt. Und wer dachte, dass das alles ein Ende nehmen würde, als vor nunmehr fast 50 Jahren die ersten Amerikaner mehr oder weniger sinnfrei auf ihm herumkurvten, sieht sich getäuscht, der Mythos Mond scheint ungebrochen. Und vielleicht – die Spekulationen halten sich – war ja alles nur Inszenierung, war alles nur ein Traum.