Spukhaus Hameln

Im „Spukhaus“ soll ein Mönch umgehen ...

Unheimliches in Hamelns Altstadt

Donnernd schlägt ein schwerer Torflügel zu: Das Geschirr in der Küche klirrt, der volle Wassereimer schwappt über. Und irgendwann geistert auch ein unheimlicher Mönch durchs Haus. Keine Frage: Hier spukt’s! Was sich liest wie das Script zu einem Gruselfilm ist ein Bericht von Elsbeth Best zur „St.-Jodokus-Kapelle“. Und die stand nicht etwa in einem Hollywood-Studio, sondern mitten in Hamelns Altstadt, in Nachbarschaft von Redenhof und Spritzenhaus. Hamelns „Spukhaus“, belegen historische Quellen, ist kein Spuk.

Von Karin Rohr

„Über die Jahrhunderte wird dieser Teil der Alten Marktstraße verschiedentlich erwähnt und mit seltsamen Geschichten in Verbindung gebracht“, erzählt Burghardt Sonnenburg vom Hamelner Museum, der in seiner Freizeit dem Phänomen „Spukhäuser“ nachgeht. Und dabei auch auf konkrete Angaben zum Hamelner Spukhaus stieß. „Lokale Ortsbezeichnungen und -namen haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert“, sagt Sonnenburg, „Das Hamelner Spukhaus lässt sich daher nur schwer lokalisieren. Es handelt sich aber sicher um einen Gebäudekomplex im Ausgang der Alten Marktstraße. Aus dem Haus Alte Marktstraße 9, aber auch aus den Nachbarhäusern wurden schon im 18. Jahrhundert merkwürdige Ereignisse gemeldet.“ Bis in die Gegenwart würden hier die Hinweise auf Geistererscheinungen und fantastische Geschehnisse reichen.

Der bekannte Hamelner Heimatforscher Friedrich Meissel stellte 1897 fest, dass man sich „gar viel Abenteuerliches“ erzähle „von einem kleinen Mönche, der dem Pastor Hartmann (1770 – 91) in der Geisterstunde Besuche gemacht haben sollte.“ Bezug nehmend auf historische Quellen erklärt Meissel: „Die Predigerwohnung auf dem alten Markte war in alten Zeiten eine Kapelle St. Jodoci.“ Immer wieder finden sich in Büchern zu Hamelns Stadtgeschichte Hinweise auf eine St.-Jodokus-Kapelle in der Altstadt. Sie soll im Mittelalter am „Neumarkt“ gestanden haben, verfiel dann, wurde am Münster wieder aufgebaut, verfiel auch dort und wurde schließlich 1468 an ihrem alten Platz wieder errichtet und von einem Priester aus Minden geweiht. Mönche aus Fleisch und Blut hat es im 14. Jahrhundert an dieser Stelle gegeben. Und auch eine undurchsichtige Geschichte über deren Wirken und Verbleib.

Sonnenburg will aufgrund dieser historischen Hinweise die Spukgeschichten nicht einfach als Hirngespinste abtun: „Wenn bestimmte Phänomene über Jahrhunderte von unterschiedlichen Menschen ganz unabhängig voneinander immer wieder beobachtet und beschrieben werden, muss mehr dahinter stecken. Nicht nur Schauermärchen, sondern vor allem: Geschichte.“

Wie im Fall des Hamelner Spukhauses in der Alten Marktstraße. Ein Mönch soll dort umgehen. Erste Hinweise auf die Spukgestalt hat Pastor Hartmann Ende des 18. Jahrhunderts gegeben. Und dieser Hartmann kann keineswegs als Spinner gelten. „Ein aufgeklärter, protestantischer Geistlicher wird sich sicher nicht mit Hokuspokus-Geschichten gebrüstet haben“, meint Sonnenburg, „Interessant sind die Hinweise auf die Kapelle St. Jodoci in der Alten Marktstraße. Sie lag genau im fraglichen Areal. Die heute sichtbare Bebauung geschah sozusagen auf deren Mauern.“ Im Mittelalter habe es in Hameln darüber hinaus zeitweise eine Vielzahl religiöser Gruppierungen gegeben, darunter auch die Eremiter-Augustiner-Mönche, die hier eine Kapelle errichteten und später mit Gewalt aus der Stadt vertrieben wurden. Vorausgegangen war „ein zweiunddreißig Jahre währender Prozess“, schreibt Elsbeth Best 1928 in ihrer Geschichte von der „St.-Jodokus-Kapelle“ im Heimatkalender „Der Klüt“. „Hintergrund war ein Zwist der Mönche mit Stift und Stadt“, so Sonnenburg.

Allerlei Unheimliches wird von dem Haus, das einst die Jodokus-Kapelle war, erzählt. Ein unterirdischer Gang soll von dort zum Münster geführt haben. Eine Geheimverbindung? Von Spuren einer zugemauerten Tür im Keller ist die Rede. Gibt es sie noch? Warum wurde der Gang gebaut? Wer benutzte ihn? Und hat er mit dem Zwist und der Vertreibung der Mönche zu tun? Fragen über Fragen, die zu klären sind, um herauszufinden, was es mit dem Spukhaus auf sich hat. Denn von tappenden Schritten, dumpfem Gepolter, unerklärlichen Geräuschen und geisterhaften Erscheinungen, wie sie die Bewohner des Hauses um 1900 beschrieben, ist auch in den Jahrzehnten danach immer mal wieder die Rede gewesen. „Mystery-Storys sind in“, sagt Burghardt Sonnenburg. Aber warum in die Ferne schweifen? „Man muss nicht nach England fahren, um Geisterhäuser zu finden. Hameln und das Weserbergland sind voll davon. Und jedes hat eine spannende Geschichte, die darauf wartet, erforscht zu werden.“