Haare, Weib

Und ewig lockt das Weib

Von Lust, Leidenschaft und Verführungskunst in Märchen und Sagen

 Von Dorothee Balzereit

 

Die Frauen sind schuld. So wird es beschrieben, seit Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden. Weil sie nicht der Versuchung widerstanden, vom Apfel zu naschen. Natürlich war das Evas Idee. Auch in einem anderen Naturparadies, in Neuguinea, sind Frauen in der Fantasie von Männern von sexueller Unersättlichkeit und nur durch soziale Maßregelung davon abzuhalten, diese ins Verderben zu reißen.


Nur im Paradies und in Neuguinea? Nein. Das Bild vom ewig lockenden Weib ist weit verbreitet: Als „Femme fatale“, untergräbt ein bestimmter Typ Frau angeblich besonders gern die Moral der „wehrlosen“ Männer und bindet sie erotisch an sich. Ausnehmend attraktiv und ausgestattet mit magisch-dämonischen Zügen, dabei klug, gefühlskalt und manipulativ, stürzen diese weiblichen Wesen die Männer auf „fatale“ Weise ins Unglück und versprechen zugleich ein Höchstmaß an Liebeserfüllung. Ein weibliches Wesen, wie es in allen Mythen und Sagen der Welt, in der Literatur und im Film auftaucht, das betört, sexuell ziemlich selbstbestimmt ist und nicht davor zurückschreckt, Grenzen zu überschreiten, um sich einen Mann untertan zu machen.
In der griechischen Mythologie sind die weiblichen Geister – oft Töchter des Zeus – göttlichen oder halbgöttlichen Ursprungs. Sie galten als unsterblich oder hatten ein langes Leben und alterten nie. Der Liebe geneigt, sollen sie viele Liebesabenteuer mit Göttern und Menschen gehabt haben. Als verführerisch galten auch die Nymphen (Die Bezeichnung „nymphoman“ rührt daher), göttliche Wesen niederen Ranges, die als Naturgeister in Bergen, Bäumen, Wiesen, Gewässern oder Grotten lebten, aber auch umherschweiften, tanzten, Wild jagten oder in kühlen Grotten webten. Mit ihrer Schönheit und ihrem Gesang sollen sie Seeleute vom Weg abgebracht und ins Unglück gestürzt haben, so wie auch die von Heinrich Heine im Gedicht beschriebene Wasserfrau Loreley, die dem Kunstmärchen von Clemens Brentano zufolge hoch über dem Rhein auf einem Felsen gethront haben soll.
Doch nicht nur im alten Griechenland und am Rhein lebten Mythen zufolge weibliche Wesen mit magischen Fähigkeiten, die Männer verführen wollen. In vielen Sagen tauchen sie in der Gestalt von Vogelmädchen auf, als Fee, und manchmal als Wichtelfrau. In der Regel locken sie die Sterbliche in Regionen, die den Menschen verschlossen sind. Psychologisch gesehen verkörpern die Figuren Wunschvorstellungen, Traumbilder und Angstgefühle. So analysiert beispielsweise Verena Kast in dem Märchen „Die Nixe im Teich“ von den Brüdern Grimm die Gefahren und Chancen erotischer Leidenschaften. Die schöne Nixe, die versucht, den Mann in ihr Reich zu ziehen, wird dabei als Symbol für die Angst vor und die Faszination durch sexuelle Leidenschaften gesehen. Denn Nixen verkörpern, was dem Mann im Märchen in seinem Leben fehlt: Sex, Leidenschaft, Erotik mit seiner Frau. Nixen gelten dagegen „als ausgesprochen leidenschaftlich und bringen es immer fertig, dass ein Mann seinen Kopf verliert, dass er ganz seinen Leidenschaften, Emotionen, Fantasien hingegeben ist“ (Kast, WAS, S. 87). Für manchen Märchendeuter verkörpert Dornröschen alles Verdrängte und Ausgegrenzte: Leidenschaft, Gefühle, Sexualität, vibrierendes Leben, Mut zum Risiko (Feldmann 2009, S. 96). Auch das Weserbergland hat seine Verführerinnen. Da wäre zum Beispiel die hübsche Wichtelfrau von der Paschenburg, die den jungen Grafen von der Schaumburg regelmäßig in ihre „Höhle“ lockte. Unterhalb der Paschenburg soll sie gelebt haben, im Meumekenloch trafen sich die beiden täglich. Doch die junge Gräfin kam den beiden auf die Schliche. Eine Locke der Elfe, im Schlaf geraubt, bringt den Ehemann auf Abwegen schließlich zur Besinnung.
Eine ähnliche Sage spielt in der Veleda-Höhle nahe Velmede im Sauerland. Allerdings schafft es der Jägersmann dort, der Verführerin zu widerstehen. Die als „Unholde“ betitelte wird als Frau von hoher, schlanker Gestalt beschrieben. Ihr Gesicht sei von verführerischer Schönheit gewesen, und es wäre wohl jung und froh erschienen, hätte nicht das graue, verwitterte Haar den Kopf umrahmt, heißt es in der Sage. Als der Jäger sie verschmäht, kämmt sie das Haar so lange, bis es weich und silberglänzend ist. Mit dem weithin leuchtenden Schein und einem von silbernen Fäden durchwirkten Gewand versucht sie ihn zu locken, doch auch das nützt nichts – er kehrt zu seiner Frau zurück.

In beiden Sagen spielt langes Haar eine bedeutende Rolle – auch der Wichtelfrau wird Haar bis zu den Fußsohlen nachgesagt. Es steht von als Symbol für verführerische, erotische Kraft. Ebenso die „Höhle“, in die der Mann gelockt werden soll. Die Annahme, dass hier im übertragenen Sinn die Vagina der Frau gemeint ist, drängt sich auf.  Auch das Haar der Nebenbuhlerin spielt eine Rolle: Um sie zu beeinflussen, reicht der Sage nach eine Locke aus. Während die Gräfin der Elfe eine Strähne raubt, um den Grafen zur Besinnung zu bringen, bittet die sogenannte „Unholde“ in der Veleda-Sage den Jäger um eine Locke seiner Frau. Als er sie bringt und die Nebenbuhlerin sie nur verächtlich hinter sich in die Höhle wirft, wird dem Jäger klar, dass sie nur die Trennung von der Ehefrau im Sinn hat.
Er wird wütend und trennt sich gewalttätig von ihr. Seine Angst, dass die Unholde daraufhin seiner Frau etwas antun könnte, bleibt unbegründet: Sie bleibt unglücklich in der Höhle zurück, kommt nur noch an leuchtenden Herbsttagen hervor und kämmt ihr Haar, bis es glänzt. Dann rauft die Enttäuschte ihre Haare aus Verzweiflung über den Verlust so sehr, dass die silbernen Fäden weit über Berg und Tal fliegen. Die Menschen sagen, wenn einer der dünnen Fäden an der Kleidung eines jungen Burschen oder Mädchens haften bleibt, so würden sie der Liebe Lust und Leid erfahren. Das ist der Zauber, der heute noch von der Unholden ausgeht.
Die beiden Sagen, denen die gleiche Symbolik innewohnt, zeigen zwei Wege auf, mit der Versuchung und den damit einhergehenden Gefahren umzugehen. Dass das Abenteuer des Jägersmannes für die Beziehung folgenreich ist, auch wenn er zurückkehrt, wird bei der Wichtelfrauen-Sage von der Paschenburg deutlich: Weil er die Geliebte ignoriert, greift sie auf ihre magischen Fähigkeiten zurück und sorgt dafür, dass das Geschlecht der Grafen von der Schaumburg kinderlos bleibt.
Rache nimmt auch die Wasserfrau von Bad Pyrmont: Der „in Liebesdingen unerfahrenen“ Graf Dietrich zieht mit der Elbin in ihr unterirdisches Reich in einem See am Hilligen Born und gelobt ihr Treue. Als er sich bei einem Ritterturnier dann doch lieber für den Tagespreis – eine junge Prinzessin – entscheidet, schreitet die Wasserfrau ein: Als der junge Ritter vor dem Traualtar sein Ja-Wort geben will, umschlingt sie ihn kalt und wild – zurück bleibt nur eine Wasserlache.

 

Foto: Christian Manthey