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Heidnische Tradition auf Fachwerkhäusern?

Von alten, gemalten Säulen, die an die Irminsul erinnern

Von Dorothee Balzereit

Bibelsprüche auf den Querbalken, Namen, Jahreszahlen und reich verzierte, farbige Malereien – all das findet man bis heute rund um die Dielentore alter Fachwerkhäuser im Weserbergland. Insbesondere auf den Dörfern wird schnell fündig, wer die Augen offen hält. Während die einen die auffällige Ornamentik für reinen Zierrat halten, glauben andere, dass mehr dahintersteckt. Vor allem Heimatforscher vermuten, dass es sich um eine seit Jahrhunderten unbewusst fortdauernde Sinnbildtradition handelt.

Dazu gezählt wird unter anderem eine schmaler werdende, farbige Säule mit einer Kugel als Abschluss, die rechts und links neben das Dielentor auf die Balken gemalt wurde. Heimatkundler glauben, dass es sich bei diesem sehr oft wiederkehrenden Motiv um ein althergebrachtes und möglicherweise bereits aus vorchristlicher Zeit stammendes Symbolzeichen handeln könnte: die Irminsul. Bei dem legendären, frühmittelalterlichen Nationalheiligtum der Cherusker und Sachsen soll es sich um eine hohe, in einem geweihten Hain stehende und dem Gott Irmin gewidmete Säule gehandelt haben. Sie symbolisierte die Verbindung – den „Lebensstrom“ – zwischen Himmel und Erde. Einzelheiten sind nicht bekannt.„Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe“, heißt es in der einzigen überlieferten Beschreibung aus dem neunten Jahrhundert. Allerdings wird Irminsul immer wieder mit Yggdrasil, der Weltenessche der nordischen Mythologie, in Verbindung gebracht. Als Weltenbaum verkörpert er in der Edda, einer schriftlichen Sammlung altnordischer Dichterkunst, den gesamten Kosmos. Die Äste und Wurzeln des gewaltigen Baumes, bevölkert von vielen Tieren, liefen in neun verschiedene Welten aus. In seiner Krone soll ein riesiger Adler thronen und über das Weltgeschehen wachen. Ebenfalls im Wipfel befindet sich ein Rudel Hirsche, welches beständig die nachwachsenden Blätter und Zweige abfrisst. Ihr Geweih ist gleichzeitig Symbolträger für das sich stets erneuernde Leben, das durch die aufsteigenden Säfte den Stamm entlang nach oben steigt.Unter den Wurzeln des Baumes haust eine Vielzahl von Schlangen, die an dessen Rinde nagen und ihr verderbliches Gift hineinspritzen.

Die Irminsul wurde auf Veranlassung Karls des Großen im achten Jahrhundert von den Franken zerstört. Heute weiß niemand mehr, wie sie aussah oder wo sie gestanden hat. Seither beflügelt sie die Fantasie der Menschen. Theorien gibt es viele. Als wahrscheinlich gilt die Eresburg bei Obermarsberg, wie die Annales regni Francorum („Fränkische Reichsannalen“) zum Jahr 772 nahelegen. Andere nennen das Dorf Irmenseul, den Tönsberg bei Oerlinghausen und den Desenberg bei Warburg.
Mitte der 1920er-Jahre glaubte der ehemalige Pfarrer Wilhelm Teudt (1860 bis 1942), der sich schon vor dem Ersten Weltkrieg in völkisch-nationalen Kreisen einen Namen gemacht hatte, an den Externsteinen den Standort der Irminsul ausgemacht zu haben. Als Beweis präsentierte Teudt das mittelalterliche Relief einer Kreuzabnahme sowie abenteuerliche Interpretationen in der Nähe gelegener Stätten. Im Rahmen professioneller Ausgrabungen kam man allerdings zu dem Ergebnis, dass dort „keine Kulturreste“ in den Felsen zu finden seien. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass sowohl das Naturdenkmal als auch das Irminsul-Symbol für rechte, reaktionäre Positionen missbraucht werden. Die Benutzung des „Irminsul“-Symbols an sich ist übrigens – im Gegensatz zum Hakenkreuz – nicht strafbar, allerdings in der Kombination mit den Farben weiß-rot-schwarz.

Zurück zu den Malereien an „Stänner un Dürbogen“, wie es damals hieß. Mit ihr beschäftigte sich auch der langjährige, 1984 verstorbene Großenwiedener Lehrer und Heimatkundler Fritz Böger. „Holzschnitzkunst an alten Fachwerkhäusern“ hieß sein 1975 in der Reihe „Schaumburger Heimat“ veröffentlichter Beitrag. Auch Böger glaubte, dass sich rund um das Dielentor die Glaubensvorstellungen der Ureinwohner wiederfanden. Ihr Denken sei durch das Wirken der Sonne auf den Jahresrhythmus der Natur bestimmt gewesen: Die runden Formen wie Kreis, Ring, Scheibe, Rosette und Speichenrad stellen laut Böger die Leben spendende Kraft der Himmelsscheibe und den Neuanfang des irdischen Blühens dar. Eine ähnliche Bedeutung komme den auf den Dielenständern abgebildeten, meist aus einem blumentopfartigen Gefäß emporwachsenden und mit einer Kugel gekrönten Baumdarstellungen zu. Sie symbolisierten den „Lebensbaum“ als Sinnbild des stetig neu erwachenden Lebens, das „unter den Strahlen der neuen Jahressonne aus der Erde hervorsprießt“. Eine Symbolik, die man bis heute beim Ritual des Mai- oder Pfingstbaumaufstellens finde.
Auch der verstorbene Heimatforscher Hermann Eggers aus Krainhagen beschrieb die Irminsul in einem vor etlichen Jahren in den Schaumburg-Lippischen Heimat-Blättern (Heft 11/1999) veröffentlichen Bericht als Ursprungsmotiv der Baum- und Pflanzensymbolik.
Die im Holzwerkbau tätigen Spezialisten stehen der Irminsul-Theorie eher skeptisch gegenüber. Der Bezug zum Germanentum sei mehr als zweifelhaft, weist Architekt Manfred Röver, ausgewiesener Fachwerk-Profi und amtlich bestellter Kreisbaudenkmalpfleger, auf die mangelhafte Beweislage hin. Nach seiner Einschätzung ist die auffällige Ornamentik Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts „in Mode gekommen“. Ähnlich zurückhaltend fällt auch der Kommentar von Rövers in Meinsen ansässigem Kollegen und Dorfentwicklungs-Experten Volker Wehmeier aus. Die Herkunft der Schmuckelemente sei unklar. An den ältesten noch erhaltenen heimischen Bauernhäusern habe man keine Verzierungen feststellen können.
Der Kunsthistoriker Georg Ulrich Grossmann warnt in einem Aufsatz gar davor, durch die „Hausforschung“ zum Wiederaufbau der Runenkunde des SS-Ahnenerbes beizutragen, wie es der umstrittenen Architekt Manfred Gerner getan habe. Dessen Band „Formen, Schmuck und Symbolik im Fachwerkbau“ (verlegt beim Fraunhofer IRB, einen Ableger der renommierten Fraunhofer-Gesellschaft) hatte einen heftigen Gelehrtenstreit ausgelöst, über den der Spiegel 2004 unter dem Titel „Gezänk ums Gebälk“ berichtete.

Grossmann meinte, dass Gerner zum Wiederaufbau der Runenkunde des SS-Ahnenerbes beitrage, weil er in seinem Buch bestimmte Balken-Verstrebungen im Fachwerk so deutete, wie sie schon von den Nazis gedeutet wurden: als Runen mit symbolhafter Bedeutung wie „Fruchtbarkeit“ oder „Ordnung und Weltordnung“. Damit habe er „leichtfertig völkischem Ideengut ein Forum gewährt“, sagt Grossmann in seinem Aufsatz.
Gerner wehrte sich, drohte gar strafrechtliche Schritte gegen Grossmann an und Verlagsleiter Kindt erklärte seinerzeit, dass Gerner selbst darauf verwiesen habe, dass „die Deutung von Fachwerkformen als Runen das bei allen Fragen zu symbolischen Zeichen umstrittenste Gebiet“ sei.
Wie dem auch sei – ob nun geheime Botschaften, germanische Glaubensbotschaften oder einfach nur Schmuck fürs Haus: Sicher ist, dass der eigenwillige Zierrat eine bemerkenswerte, offensichtlich einst weitverbreitete Besonderheit der heimischen Dorflandschaft darstellt. Vieles ist Modernisierungen und dem Höfesterben zum Opfer gefallen, doch in vielen Dörfern sind die mehr oder weniger gut erhaltenen Schmuckfassaden bis heute zu bewundern.