Hexe Stich

Die Hexe von Fuhlen

Spukgeschichten, die auf Gut Posteholz erzählt wurden.

 Eine Seniorin erzählte vor über 30 Jahren: „In meiner Jugendzeit vor dem Weltkrieg saßen die Landarbeiter abends oft in der Runde und erzählten sich die alten Überlieferungen.“ Und da Ellida von Alten schon immer literarisch interessiert war und sich auch selbst schriftstellerisch betätigt hat, schrieb sie alles genau auf, was sie an altehrwürdigen Sagen hörte. Ein Glück für die Nachwelt! Denn wie Ellida von Alten zu berichten weiß, sind die Spukerzählungen, die damals auf Gut Posteholz noch jedermann bekannt waren, heute in der  Bevölkerung schon weitgehend in Vergessenheit geraten.

 Die Hexe von Fuhlen In des Onkels Bauernstube saßen sie alle am Abend zusammen. Julkelina hatte sich zu Theodor gesetzt. Sie saßen beide auf der Ofenbank. Sie waren schon schrecklich müde. Die Tür ging auf, die Korbmacher kamen herein, die Korbmacher aus dem Korbdorf. Jeden Abend kamen die Korbmacher herein, und hinter ihnen kamen ihre Frauen herein. Sie erzählten sich Geschichten.  Diese Geschichte erzählte Mutter Sievers. Sie war schon sehr alt. Ihr Schwesterkind war es, dem die Hexe von Fuhlen ein Leid antat. Mutter Sievers trocknete mit ihrer Schürze die ganz von alleine immer wieder fließenden Tränen, ihre Stimme war alt und dünn: Die Dehle, meine Schwester, hatte das Kind zur Großmutter geschickt. Es mußte durch die Wälder. Schon oft war es den Weg gegangen und es kannte keine Furcht. Nun, als es den Wald verließ - von weitem konnte es schon das Haus der Großmutter liegen sehen - tauchte eine hutzelig-alte Frau auf zwischen den Baumstumpen auf der Himbeerlichtung. Die Arme fest in eine große blaue Schürze gedreht, humpelte sie hastig auf das Kind zu. „Warte einmal“, winkte sie. Das Kind blieb stehen. ,,Willst du zur Großmutter?“ „Ja“, antwortete mein Schwesterkind zum erstenmal. Der lauernde Blick aus roten Augen sah auf das Kind. ,,Wer schickt dich, die Dehle, deine Mutter?“ ächzte die Alte. ,,Ja“, antwortete das Kind zum anderen Mal. ,,Dann grüß die Dehle schön“, kicherte die Alte, ,,willst du das tun?“ „Ja“, antwortete das Kind zum drittenmal. Es rasselte wie Blech, die Alte war verschwunden, nur ein Gestank wehte über die Lichtung hin. Eilig lief das Kind zur Großmutter, die schon wartete. Einige Tage darauf, das Kind war wieder von Fuhlen zurückgekommen, wurde es krank. Niemand konnte sich erklären, was ihm fehlte. Sirup und Tee mochte es nicht, auch warme Umschläge halfen ihm nicht. Keiner wußte ein Mittel. Nur mit schwacher Stimme wimmerte es, ,,in meinem Kissen krabbelt es.“ Soviel die Dehle, meine Schwester, das Kissen auch aufschüttelte, immer wieder waren die Worte des kranken Kindes „in meinem Kissen krabbelt es.“ Da wußte sich die Mutter keinen Rat, sie weinte. Denn wenn die Federn im Kissen zu wandern anfangen, wollen sie den Totenkranz flechten, „ln meinem Kissen krabbelt es“, wimmerte unaufhörlich das Kind. Eines Tages, die Mutter stand am Haubock vorm Haus und spaltete Feuerholz, Die ganze Nacht wimmerte das Kind, und morgens war es tot. Als sie das Kissen auftrennten, waren die Federn zusammengeballt und verfilzt, zu einem Totenkranz zusammengeballt in der Mitte des Kissens, genau da, wo der Kopf des Kindes gelegen hatte. Schauplätze unserer Heimatsagen trat eine hutzelig-alte Frau an sie heran. „Heute abend bekommst du Besuch, gib ihm keine Antwort“, drohte der dürre, verkrüppelte Finger der Alten, „gib ihm keine Antwort, was er dich auch fragen mag, dann wird dein Kind gesund werden. Heute noch wird jemand von dir etwas borgen wollen, gib es ihm nicht, dann wird dein Kind gesund werden.“ Und ehe die Mutter das Holzscheit aus der Hand legte, war die Alte schon fort. Abends, als die Mutter traurig am Bette des Kindes saß, klopfte es an die Tür, es war nur die Alte. ,,War schon jemand hier?“ fragte sie. „Nein niemand“, antwortete die Mutter. „Es kommt, es kommt gewiss“, raunte die Alte: „Meine Lampe ist am Verlöschen, fülle mir ein wenig Petroleum nach.“ Die Mutter stand auf und füllte Petroleum nach. Da gellte die Stimme der Alten wie die einer Hexe, der Mutter ward angst und bange.