Walterberg Witten Pohl

Die Jungfrau Ilse am „Willen Pohl"

Auf dem Walterberge bei Börry soll eine Burg gestanden haben

Es ist ein verwunschener Ort. Wild, romantisch – und versteckt. An seinem Ufer stehen Buchen und Ahornbäume, wuchern Moose auf fauligem Totholz und Schiefer. Die Wasseroberfläche ist mit Entengrütze bedeckt. Der Witte-Puhl, auch der "Weiße See“ genannt, hat  etwas Magisches, etwas Mystisches. Den Teich soll es schon seit Jahrhunderten. „Es ist merkwürdig: Der Teich hat definitiv keinen Zufluss und trocknet dennoch niemals aus“, sagt ein Anwohner – und fügt nachdenklich hinzu: „Ist schon ’ne sonderbare Sache: ein Teich auf einer Bergkuppe.“

Von Ulrich Behmann

 

Womöglich gibt es an dieser Stelle eine wasserundurchlässige Tonschicht. Bleibt die Frage: Warum verdunstet das Wasser im Witte-Puhl im Sommer nicht? Niemand in Börry hat darauf eine Antwort. Die Alten kennen noch die Geschichte vom Waltherberg und dem Witte-Puhl. Sie wird von Generation zu Generation weitererzählt. Niemand weiß so recht, was wahr und was erfunden ist. Die Sage erzählt von einer Burg, die einmal auf dem Waltherberg gestanden haben soll. Ein Ritter namens Walther, dessen Frau früh gestorben war, habe darin mit seiner Tochter Ilse gewohnt, heißt es. Der Mann soll verroht und versoffen gewesen sein – ein echter Raubritter eben, der mit seinen Kumpanen die Region ausplünderte und kein Erbarmen kannte. „Seine Tochter Ilse soll ganz anders gewesen sein“, erzählt der fast 90-jährige August Albrecht, ein Urgestein in Börry. „Sie kümmerte sich um die Armen, pflegte die Kranken und Gebrechlichen. Bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit hat Ilse einen Geistlichen aus dem Kloster Kemnade bei Bodenwerder kennen- und lieben gelernt. Der Mann soll wohl aus Pegestorf gestammt haben. Als die Besuche des Gottesmannes immer häufiger wurden, ist Walther auf die verbotene Liaison aufmerksam geworden. Der Raubritter war entrüstet über das Verhalten des Geistlichen, der sich ja an das Zölibat halten musste. Zudem hatte der raue Burgherr für seine hübsche Tochter bereits einen Edelmann aus dem Hause Spiegelberg ausgesucht. Die Ilse wollte ihn nicht, aber der Vater blieb hart. Der „armselige Pfaffe“ solle sich nicht mehr auf dem Schloss blicken lassen, fuhr er Ilse an und drohte ihr, sonst passiere Furchtbares. Und so ist es ja dann auch gekommen. Ilse und der Pastor verabredeten sich noch einmal kurz vor der geplanten Hochzeit mit dem Spiegelberger im Wald. Der erboste Ritter Walther folgte seiner Tochter. Als er die Verliebten sah, zückte er sein Schwert und durchbohrte damit beide. Danach soll Walther auf seine Burg zurückgekehrt sein. Anstatt zu trauern oder den Doppelmord zu bereuen, lud er seine Kumpane zu einem Zechgelage ein. Als die Ritter betrunken waren, brach gegen Mitternacht ein Feuer aus. Die Burg wurde zu Schutt und Asche, Ritter Walther und seine Spießgesellen kamen in den Flammen um.“ Deshalb, so der langjährige Ortsbürgermeister Albrecht, heiße der Hügel Waltherberg. An der Stelle, an der sich der Witte-Puhl befindet, soll einmal die Ritterburg gestanden haben. Und das kleine Flüsschen, das durch Börry fließt, sei Ilse genannt worden, um an das ermordete Burgfräulein zu erinnern.

Handfeste Beweise für die Existenz der Burg gibt es bislang nicht. Allerdings ist in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts der Waldarbeiter Heinrich Müller beim Pflanzen neuer Bäume – nur wenige Hundert Meter vom Teich entfernt – auf alte Fundamente gestoßen. Sie dürften von dem ehemaligen Gut Detmeringshausen stammen. In der Nähe des Witte-Puhls gab es im Mittelalter Siedlungen, die aber später wüst geworden sind. Sie hießen Waltherberg und Detmeringshausen. Sind das Gut und die Burg aus der Sage ein und dasselbe Bauwerk? Was ist dran an der Geschichte vom Ritter, seiner Tochter und dem verliebten Pastor? „Der Weg, auf dem der Mord passiert sein soll, heißt noch heute Dreitränenweg“, sagt ein anderer Börryer. „Und im Dorf gibt es eine Walterbergstraße.“

In der Börryer Chronik, die 2004 zum 1000-jährigen Bestehen des Ortes herausgegeben wurde, endet die Geschichte wie im Märchen: „Jedes Jahr, wenn dieselbe Nacht (in der die Burg abbrannte) wiederkehrt, sieht man hier Feuer und wimmernde Gestalten um den See laufen, und die weiße Jungfrau geht im Holze herum.“