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Der Wald - Kulisse für Märchen und Sagen

Zauberhaft und gefährlich - der Märchenwald

Die armen Geschwister "Hänsel und Gretel", das liebe "Rotkäppchen" und das schöne "Schneewittchen" kennt fast jeder – klar, das sind Grimmsche Klassiker. Was das Geschehen bei "Brüderchen und Schwesterchen" oder in der Baxmann-Sage angeht, wird das Wissen schon dürftiger. Alle diese Erzählungen aber eint eines: Sie spielen im zum großen Teil Wald. Dieser Märchenwald bietet mal eine schaurige Kulisse, mal stellt er einen idyllischen Zufluchtsort dar. Schaut man sich die vielen verschiedenen Facetten des Waldes in Märchen und Sagen an, ist eines sicher: Langeweile herrscht dort selten.

Von Kerstin Wölki

In vielen deutschen Märchen avanciert der Wald zum wesentlichen Handlungsort. Zum einen in der Funktion, die er auch in der Lebenswirklichkeit der damaligen Menschen einnahm, als Waldlandschaft, die die dörflichen und städtischen Siedlungen umgibt und Wild, Holz, dazu allerlei Früchte bereithält. Ebenso aber stehen der Wald und seine ungeordnete, bisweilen undurchdringliche Wildnis für das unheimliche Gegenteil menschlicher Zivilisation. Auch bei „Hänsel und Gretel“ etwa bietet der Wald eine eher schaurige Kulisse abseits der Zivilisation: Die Geschwister werden dort ausgesetzt, verirren sich, fürchten sich vor wilden Tieren und gelangen schließlich zum Hexenhaus, das mehr Gefahr als Schutz birgt.

Was im Wald geschieht, ist nicht nur reale Erfahrungswelt, sondern stets auch von Geheimnissen und Zauberhaftem umgeben. Meist ist der Wald tief, dunkel, düster, wild, groß oder finster und der perfekte Raum für Fantasien und Projektionen der menschlichen Psyche. Im Märchen „Der Froschkönig“ liegt das Märchenschloss in der Nähe eines großen, dunklen Waldes. Darin befindet sich unter einer alten Linde ein verzauberter Brunnen, der die goldene Kuge, mit der die Prinzessin spielt, verschluckt. Gerade die Brüder Grimm machen den Märchenwald zu einer verzauberten Welt, in der man auf die Anderswelt mit ihren Hexen und Zauberern, den Zwergen, Riesen, den magischen Orten und Dingen stoßen kann, und in der sich die Helden der Geschichte bewähren müssen.

Der Wald bietet sich auch deshalb als Kulisse für Sagen- oder Märchenhaftes an, weil die Bäume selbst einen transzendenten Charakter haben. Sie werden sehr alt und stehen meistens länger als ein Menschenleben an Ort und Stelle. Der Wald wird zum Sitz von Göttern, in heiligen Hainen können Menschen mit göttlichen Mächten in Kontakt kommen.

Aber auch einzelne Bäume können in Märchen und Sagen eine tragende Rolle spielen. So ist aus Schaumburg die Sage um die alte Blutlinde bekannt: Aus einem einfachen Lindenzweig erwuchs vor der Burg Schaumburg ein mächtiger Baum, der die Unschuld eines im Mittelalter zu Unrecht als Hexe angeklagten und hingerichteten Mädchens beweisen soll. In dieser Sage steht der Baum als Symbol für erlittenes Unrecht, das doch noch zu Tage kam. In manchen Sagen stellt der Wald auch die Kulisse realer, heroischer Kämpfe dar, so etwa in „Die Schlacht im Teutoburger Wald“ oder „Die Urschlacht im Geismarwald“.

Früher war der Wald vielen Menschen vertraut, manche lebten auch darin, zumeist arme Leute, Köhler oder Holzhauer, wie in der Sage „Die Dreigroschenhöhle im Amelungsberg und die Wichtel“. Da geht es um einen armen Holzfäller, der „kaum das Nötigste zu brechen und zu beißen“ hat, dem aber das Glück widerfährt, einem spendablen Wicht zu begegnen. Auch Verbrecher und Verfolgte sind im Wald beheimatet, Robin Hood zum Beispiel, der mit anderen Verbannten im britischen Sherwood Forest ein Zuhause fand und zum Rächer der Armen wurde. Ein Verbannter aus der Schaumburger Region ist der Schankwirt und Stadtmusiker Cord Baxmann. Er schöpft in den Wäldern des Hohenstein laut Sage bis heute mit einem durchlöccheertem Fingerhut Wasser aus einer Quelle und sucht vergeblich nach Erlösung.

Eine weitere, dem Wald eng verbundene Figur ist der "Jäger", ein in den Märchen und Sagen meist hilfreicher Mensch, der sogar manchmal als Lebensretter auftritt. In „Rotkäppchen“ überwältigt er den Wolf, in „Schneewittchen“ verweigert er den Befehl der Königin, die schöne Stieftochter zu töten. Oft ist er allein im Wald unterwegs und man trifft unvorhergesehenerweise auf ihn. In der Sage „Vom wilden Jäger Hackelberg“ allerdings, die im Solling verortet ist, verschreckt der ruhelose Geist des toten Jägers Menschen und Waldtiere gleichermaßen, indem er nachts mit gellendem Schrei zur Jagd ruft.

Die Menschen glaubten damals auch, dass Waldfrauen und Hexen im Wald leben, gute und böse. In „Der Süße Brei“ ist es eine Waldfrau, die aus dem Dunkel des Waldes auftaucht, und einem armen Mädchen einen magischen Topf schenkt, der für immer den Hunger stillen kann (auch wenn man aufpassen muss, dass der süße Brei nicht überkocht und alles unter sich begräbt).

Am Ende wird alles gut? Nicht für den bösen Wolf

Der Wald wird nicht nur von Menschen bewohnt. Er ist natürlicher Lebensraum von Tieren, die nicht immer ungefährlich sind. Unweigerlich begegnen die Märchen- oder Sagenhelden diesen oftmals sprechenden Tieren, sobald ihr Weg durch den Wald führt, Tieren, die wild und hinterhältig gefährlich erscheinen können, und dann wieder zutraulich und hilfsbereit. Der Wolf vertritt – und das ist dem Gedächtnis der Menschen bis heute verhaftet – das Böse im Märchen. Er bringt das naive Rotkäppchen vom rechten Weg ab und lockt es in den Wald hinein, um Zeit zu gewinnen und die Großmutter fressen. Auch sechs der sieben Geißlein fallen ihm zum Opfer.

Da Märchen immer ein gutes Ende nehmen, geht die Geschichte für den Wolf meist tödlich aus. Vögel, Hasen oder Rehe schlüpfen häufig in die Rolle sympathischer Helfer und weisen den Weg oder warnen vor Gefahren. Bei „Schneewittchen“ trauern die vermenschlichten Vögel um die vergiftete und vermeintlich tote Prinzessin.

Der Wald hat in Märchen und Sagen auch symbolische Bedeutung. Ein typischer Handlungsverlauf ist folgender: Der Held oder die Heldin begeben sich aus einer Notwendigkeit oder einem Mangel heraus auf den Weg in die weite Weld. Dabei durchqueren sie in der Regel auch den Wald. Während dieser Durchquerung begegnen sie phantastischen Wesen, zu ihrem Glück oder Unglück. Dabei finden die Suchende etwas, das ihnen hilft, zu sich selbst zu finden, indem sie des Waldes Prüfungen und Gefahren bestehen. Mit neu gewonnener Kraft kehren sie in die Zivilisation zurück.

Einige Beispiele: In „Die Sterntaler“ gibt ein kleine Mädchen im Laufe der Erzählung alles her, was es an Habseligkeiten besitzt. Mitten im finseteren Wald schenkt es, da ja niemand seine Nacktheit sehen kann, sogar sein letztes Hemd her. Genau dann regnet es die Sterntaler vom Himmel. Es scheint, als ob hier ein Mensch neu geboren würde. Schneewittchen wird, wie Hänsel und Gretel, im Wald ausgesetzt und findet eine Zeitlang Zuflucht bei den sieben Zwergen, bevor sie ins Schloss zurückkehren kann. Das "Schwesterchen" entdeckt für sich und sein verwunschenes "Brüderchen" tief im Wald eine Hütte, in der sie bleiben, bis der böse Zauber gebrochen ist.

In der Sage „Aus der Eichelsaat der Reinhardswald“ macht der junge Graf Reinhard ebenfalls eine Entwicklung durch: Der dem Spiel und Alkohol zugeneigte Mann verwettet leichtsinnig seine Grafschaft, und nur durch List und Fleiß, die er zuvor nicht besaß, gelingt es ihm, den Besitz zu doch behalten. So entsteht das große Waldgebiet im nordhessischen Weserbergland, das bis heute nach dem Grafen benannt und als Ort weiterer Sagen und Märchen bekannt ist.

Alle Beispiele verdeutlichen: Helden in Märchen oder Sage sind Wanderer, und der Wald auf ihrem Weg erweist sich oftmals als eine Art Entwicklungshelfer. Nicht nur in seiner Erscheinung als dunkle, bedrohliche oder schützende, hilfsbereite Umgebung, sondern auch als Ort der Wandlung wohnt dem Wald etwas Ambivalentes inne. Er verkörbert für das Ungewisse, das auf den Helden zukommt und das sowohl bedrohlich als auch hoffnungsvoll sein kann.

Als Hochzeit der Märchen gilt die Romantik. Nicht nur sammelten und verschriftlichten die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert die mündlich tradierten Märchen, woraus eines der weltweit erfolgreichsten Bücher entstand: die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Innerhalb dieser Rückbesinnung auf diese Erzähltraditionen wurden auch neue Märchen geschaffen, in denen dem Wald eine zentrale Bedeutung zukommt. In Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ oder Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ erscheint der Wald wenigerals ein Ort der Wandlung sondern eher als Rückzugsort, der vor einer sich wandelnden Gesellschaft schützt und dabei durch Konstanz und stärkende Einsamkeit bietet. Ein ruhiger Gegenpol und Schutzraum, in dem alte Märchen und Sagen lebendig sein können.

Gerade die Romantik schuf zur seelischen Erbauung ein mystifiziertes Bild von Waldesdunkel und Waldidylle. Der Märchenwald spiegelt die Sehnsucht der Romantik nach Einheit und Ruhe wider. In diesen Duktus passt auch Tiecks Eckbert, der sich an der Einsamkeit des Waldes ergötzt: Waldeinsamkeit / Die mich erfreut, / So morgen wie heut / In ew’ger Zeit / O wie mich freut / Waldeinsamkeit.