• Geschichte Pfeifer quer
  • Rattenfänger bunt quer

Die Geschichte geht weiter...

...aber wie? Gewinnspiel zur Spurensuche in Siebenbürgen

Von Ulrich Behmann und Julia Niemeyer

„Und die Geschichte geht weiter.“ Mit Kohle hat jemand diesen Satz auf einen Brunnen in Hamlesch geschrieben. Jenem Ort in Siebenbürgen, der wenigstens dem Namen nach einen Bezug zur Rattenfängerstadt Hameln nahelegt. Einem Ort mit zwei Höhlen, die die Einheimischen „Löcher“ nennen, und von denen sie eher scherzhaft berichten, dass die Hamelner Kinder aus einem von ihnen herausgekommen sind. Ähnliche Geschichten werden auch anderswo in Siebenbürgen erzählt, etwa im nahegelegenen Talmesch oder in Almesch, die beide ebenfalls mit Höhlen aufwarten können. Beweise für die eine oder andere Version gibt es naturgemäß nicht. Einzig der Schlusssatz der Grimm'schen Rattenfängersage deutet konkret darauf hin, dass die entführten Kinder überhaupt nach Siebenbürgen gezogen sein könnten.

Aber was wäre, wenn…? Wenn es sich tatsächlich so und nicht anders zugetragen hätte, wie von den Brüdern Grimm beschrieben?

„Und die Geschichte geht weiter.“ Was zu Beginn der Recherche in Transsilvanien noch wie eine Anekdote klingt, wird am Ende ihr Leitsatz sein: Die Geschichte geht weiter. Vor 200 Jahren, so scheint es, haben die Brüder Grimm alles darangesetzt, dass genau dies nicht passiert. Mit Mühe und Akribie haben sie Geschichten eine feste Form gegeben, die vorher über Jahrhunderte immer wieder neu erzählt wurden, und so nie ein wirkliches Ende fanden. Immerzu wurden bis dahin neue Elemente hinzugefügt, Ereignisse in den bereits bestehenden Kontext der Erzählung eingeflochten und Ungewissheiten vor diesem Hintergrund gedeutet. Auch Siebenbürgen könnte erst auf Umwegen zu einem Teil der Sage geworden sein, lange nachdem die Hamelner Kinder (die vermutlich gar keine Kinder, sondern junge Leute waren) ihre Stadt verlassen hatten. Vielleicht war Siebenbürgen nur ein Ort, der als neue Heimat zahlreicher Auswanderer in die bereits vorhandene Geschichte passte und deshalb irgendwann miterzählt wurde.

Jakob und Wilhelm Grimm machten diesem Wandlungs-Prozess durch ihre Niederschrift ein Ende. Vom Moment der Veröffentlichung und Verbreitung an war festgelegt, was zur Geschichte gehörte und was nicht, wo sie anfing und vor allem: wo sie aufhörte. Die offizielle Version der Sage war geboren, die Zeit ihres Werdens war vorbei.

Soweit die Theorie. In der Praxis ist keine Geschichte jemals ganz zu Ende, und das gilt insbesondere für die Sage. Ihr wahrer Kern bietet mit Orts- und Zeitangaben auch heute noch Anknüpfungsmöglichkeiten für neue Fäden. Historiker, Sprach- und Kulturwissenschaftler spinnen die Geschichte mit ihren Thesen ebenso weiter, wie es die Menschen in Hamlesch mit scherzhaften Spekulationen tun. Man kann sagen: In jedem Menschen steckt ein kleiner Grimm, der hört und sieht und so lange seine Schlüsse zieht, bis das Gesehene und Gehörte Sinn ergibt. Bis eine Geschichte entsteht, die richtig oder wenigstens spannend genug klingt, um sie weiterzuerzählen. Jeder tut das. Immerzu.

Selbst Fakten, die auf den ersten Blick rein gar nichts mit der Sage zu tun haben, sondern nur in einem räumlichen oder zeitlichen Kontext stehen, verführen zu Gedankenspielen. Was wäre, wenn ein Zusammenhang bestünde? Wie würde die Geschichte weitergehen, wenn Höhlen und Massengräber, Schätze und Überfälle eine Rolle darin spielen dürften? Das Spiel mit den Möglichkeiten ist das, was Sagen über Jahrhunderte am Leben erhalten hat. Warum soll es also nicht fortgesetzt werden?

Auf dieser Seite finden Sie, liebe Leser, einige der Möglichkeiten, die die Dewezet-Recherche in Siebenbürgen ergeben hat: Ein Grab, einen Schatz, einen finsteren Fürsten. Jetzt ist es an Ihnen. Werden Sie zum Grimm. Nutzen Sie die Ergebnisse unserer Recherche und vor allem Ihre Fantasie – und erzählen Sie die Geschichte der Hamelner Kinder dort weiter, wo die offizielle Version endet.

Aus allen Einsendungen, die bis zum 22. Juli 2016 mit dem Stichwort „Rattenfänger“ per Mail an redaktion@dewezet.de oder auf dem Postweg an die Deister- und Weserzeitung, Redaktion,Osterstraße 15-19, 31785 Hameln, eingehen, wählt die Redaktion die schönste Fortsetzung der Rattenfängersage aus. Der Sieger erhält einen Gutschein über drei Übernachtungen mit Halbpension für zwei Personen im Sonnenhotel Amtsheide, Bad Bevensen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter des Verlages sowie Personen unter 18 Jahren sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Mit der Einsendung stimmen die Autoren einer Veröffentlichung ihres Beitrags in der Tageszeitung sowie auf www.dewezet.de und unserer Partnerseite www.viasaga.de zu.

 

Das Massengrab

Logdes – ein kleiner Ort im Unterwald, gleich neben Hamlesch. Schauplatz eines Massenmordes? Es wird erzählt, dass nahe der sächsischen Kirche ein Massengrab mit 200 Skeletten entdeckt wurde. Angeblich stumme Zeugen der gewalttätigen Vergangenheit in der Zeit um 1600. Gertrud Stephani-Klein vermerkt in ihrem Buch „Verschollene deutsche Ortschaften in Siebenbürgen“ dazu: „Die Sachsen von Kleinpold, Hamlesch und Logdes sollen ausgemacht haben, Mihai Viteazul zu ermorden.“ Offenbar war nicht jeder damit einverstanden. Die Verschwörung sei von einigen Hamleschern verraten worden, heißt es. Hamlesch sei deshalb die Zerstörung erspart geblieben. Sage oder Wahrheit? Mihai Viteazul (Michael, der Tapfere) hat es gegeben. Er war Woiwode der Walachei, von Siebenbürgen und der Moldau, und ist noch heute rumänischer Nationalheld, da er die drei rumänischen Fürstentümer unter seiner Herrschaft vereinigte – allerdings nur ein paar Monate lang. Die Frage ist: Stammen die Skelette wirklich aus der Zeit um 1600? Denn Michael, der Tapfere, soll Hamlesch ja verschont haben. Wie passt das zusammen? Oder handelt es sich um Siedler, die dort zu einem viel früheren Zeitpunkt getötet und verscharrt wurden? Sind womöglich die „130 verschwundenen Kinder der Stadt Hameln“ gemeinsam mit anderen dort vergraben worden? 

Massengrab


Die Schätze des Darius

Liegt bei Hamlesch ein Schatz vergraben? Der berühmte Perserkönig Darius soll ihn dort versteckt haben. Das zumindest erzählt man sich in Transsilvanien. Friedrich Müller, einst Lehrer im siebenbürgischen Schäßburg (Sighisoara) hat im 19. Jahrhundert Sagen aus Siebenbürgen gesammelt und auch diese phantastische Geschichte in einem 1857 in Kronstadt herausgegebenen Buch für die Nachwelt erhalten. „Bei Hamlesch im Unterwalde“, heißt es dort, „liegen die Schätze, welche der Perserkönig Darius auf seinem Skytenzuge vergraben hat.“ Ein junger Handwerksbursche habe einst an genau dieser Stelle auf der Durchreise geschlafen und den Schatz entdeckt. „Weil er Schick und Brauch in solchen Fällen kannte, legte er etwas auf denselben zum Zeichen seiner Besitznahme und merkte sich den Ort.“ Er sei nach Deutschland gezogen, haben Freunde gebeten, ihm bei der Bergung des riesigen Schatzes zu helfen. Doch der Geselle wurde krank. Kurz bevor er starb, beschrieb er seinen Verwandten den Ort. Als diese die markierte Stelle fanden, war der Schatz jedoch verschwunden. Tatsächlich hat es in der Nähe von Hamlesch Ausgrabungen gegeben – sie seien in den 1970/80er Jahren staatlich angeordnet worden, erinnert sich der Vorsitzende der Heimatort-Gemeinschaft Hamlesch, Michael Eberle. Glaubte Diktator Ceau?escu an den Schatz des Darius? War er es, der nach ihm suchen ließ? Ceau?escu, der sich Conduc?tor (Führer), „der Auserwählte“ oder „unser irdischer Gott“ oder „Genie der Karpaten“ nennen ließ, war zumindest verrückt genug, so etwas anzuordnen. Womöglich ist auch an dieser Sage etwas Wahres dran. 500 bis 1000 Meter von Hamlesch entfernt, an der Marienburg, hätten sich die Hamlescher Sand geholt, erzählt Eberle. „Dort soll man beim Schaufeln alte Münzen gefunden haben.“ Vielleicht haben die Einwohner beim Buddeln noch andere, viel wertvollere Dinge entdeckt, aber aus gutem Grund den Fund verheimlicht. 

Schatz Siebenbürgen

Dracula - Fürst der Finsternis

Tatsächlich ist ein Mann, der den Beinamen Dr?culea trug, einst in Hamlesch eingefallen. Kein Geringerer als der muntenische Fürst Vlad ?epe? betrachtet sich 1457 als Herr von Hamlesch und dessen Pertinenzien. In einem Schreiben wirft er den Hermannstädtern vor, sie hätten widerrechtlich seinen Rivalen in das Hamlescher Gebiet eingeführt. Thronprätendent Dan, der von König Mathias unterstützt wird, nennt sich im Jahre 1460 „Herr der Gebiete Hamlesch und Fogarasch“. Dan wird von den Sachsen und Rumänen des Hamlescher Gebietes unterstützt. Vlad III. lässt sich das nicht bieten. Noch im selben Jahr fällt er in das Hamlescher Gebiet ein. Der Ort Hamlesch wird zerstört. Viele Menschen, insbesondere Rumänen, werden getötet. Warum er viele Sachsen verschont haben soll, bleibt ein Rätsel. Vlad soll in Schäßburg geboren worden sein und zeitweise hinter den dicken Wehrmauern Schutz gefunden haben, Vielleicht liegt es ja auch daran. Die Verwüstung von Hamlesch wird von Historikern als Racheakt gewertet. Zuvor war ein Einfall des Thronprätendenten Dan nach Muntenien misslungen. Dan kam dabei ums Leben. Vlad III. war Woiwode der Walachei. Sein Beiname Dr?culea („Sohn des Drachen“ von lateinisch draco – „Drache“) leitet sich nach der von Historikern am häufigsten akzeptierten These von der Mitgliedschaft seines Vaters Vlad II. Dracul im Drachenorden Kaiser Sigismunds ab. Dieser Beiname wurde bisweilen auch als „Sohn des Teufels“ verstanden, da das rumänische Wort „drac“ Teufel bedeutet. Vlad wird häufig als Tyrann beschrieben, dem das Foltern und Töten seiner Feinde ein sadistisches Vergnügen bereitete. Er soll für den Tod von 40000 bis 100000 Menschen verantwortlich sein. Manche meinen, die Zahlen seien übertrieben. Die deutschen Erzählungen über Gräueltaten Vlads berichten von Pfählungen, Folterung, Feuertod, Verstümmelungen, Ertränkungen, Enthäutungen, Röstungen und dem Kochen der Opfer. Seine Vorliebe für Hinrichtungen durch langsames und qualvolles Pfählen der Opfer brachte ihm den Namen „Vlad, der Pfähler“ ein. Vlad III. dürfte den irischen Schriftsteller Bram Stoker zu seiner Romanfigur Dracula inspiriert haben.

Dracula

Fotos: ube/juni und Hamelner Marketing und Tourismus GmbH