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Geliebter Galgenvogel

Der Ruf der Krähe ist zweifelhaft, dabei ist sie ein gewiefter Zeitgenosse

Von Gabriele Laube

Kaum ein Vogel spaltet die Meinungen so wie Krähen. Städter sehen in ihnen oft nur schwarzgefiederte Störenfriede, die ihre Straßen vollkoten. Sie fürchten den krähendüsteren Himmel über den Häusern, wenn die Vögel im Winter massenhaft von der Futtersuche auf den Feldern in ihre hohen Nachtquartiere zurückkehren. Doch nur wenige beobachten die Rabenvögel so, wie es unsere Vorfahren taten. Diese zogen dabei erstaunliche Schlüsse aus deren Verhalten.

Ihr adrett in Falten gelegtes Federkleid schimmert bläulich schwarz, dem stechenden Blick ihrer dunklen Augen entgeht nichts. Während die langen, gekrümmten Krallen sicheren Halt garantieren, wird der spitze schwertähnliche Schnabel zur tödlichen Waffe – für Insekten und Schädlinge aller Art. „Kraah Kraah“ singt sie anschließend ihr kratzig-heiseres Lied: Der Ruf gab dem Singvogel seinen Namen, Krähe.
Im heißen griechischen Sommer beobachtete der Dichter Aesop vor mehr als 2500 Jahren eine durstige Krähe dabei, wie sie versuchte, Wasser aus einem halb gefüllten Krug zu trinken. Der Hals des Gefäßes aber war zu schmal, sodass sie nicht herankam. Nun warf der Vogel so lange kleine Steine in die Karaffe, bis er das Wasser erreichen konnte. Aesop schrieb die Fabel auf. Es könnte sich so zugetragen haben.
Die kleinere Verwandte des Raben solle nicht selbstgefällig sein, mahnte der römische Fabeldichter Phaedrus rund um Christi Geburt dagegen in seiner Sage um eine eitle Krähe: „Prahle nie mit erborgtem Schimmer, Spott ist sonst dein Lohn.“ Das galt allen, die wie die Krähe Lob und Anerkennung für etwas bekommen wollen, was nicht ihr Verdienst war. Nach seiner Sage schmückte sich der Vogel mit schillernden Pfauenfedern und mischte sich auf einem Ball unter die vermeintlich edelsten seiner Art.
Die majestätischen Pfauen aber erkannten und verspotteten den herausgeputzten Emporkömmling und entrissen ihm zur Strafe nicht nur die fremden Federn, sondern ebenso seine eigenen glänzenden Schwingfedern. Dermaßen gestutzt, bot die Krähe ein klägliches Bild und eine Warnung für alle, sich nicht „mit fremden Federn“ zu schmücken. Phaedrus fasste seine vorsichtige Kritik an der Politik der römischen Kaiser Augustus, Tiberius, Calligula und Claudius in solch wohlbedachte Gleichnisse.
Eines der bekanntesten Zitate, welches Macrobius Ambrosius Theodosius, einem römischen Philosophen und Grammatiker im fünften Jahrhundert, zugeschrieben wird, lautet: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“ Es besagt, dass innerhalb einer eingeschworenen Gemeinschaft sich niemand gegen Mitglieder derselben stellt. Gut vorstellbar, dass der Spruch auf Krähen zurück: Wer ihnen in die Quere kommt, dem hacken sie mit ihren Schnäbeln auf die Augen, nur untereinander zielen sie zwar auf den Kopf, aber nicht auf die Augen.

Auch in der Sammlung der Brüder Grimm findet sich bis 1840 ein Krähenmärchen, darin rauben zwei böse Kameraden einem braven Soldaten sein Erspartes, stechen ihm die Augen aus und binden ihn an einen Galgen.
So geschunden belauscht er eines Nachts das Gespräch zweier Krähen. Diese berichten von einer Kröte, deren Asche mit Wasser die kranke Königstochter heilen kann und vom Tau unter dem Galgen, welches Blinde wieder sehend macht.
Der Soldat erhält sein Augenlicht zurück, heilt und heiratet daraufhin die Königstochter. Seine zwei Kumpane hoffen nun, auch etwas unter dem Galgen zu hören. Die Krähen aber merken, dass sie belauscht werden, hacken ihnen die Augen aus und quälen sie solange mit ihren Schnäbeln, bis sie tot sind.

Das Märchen steht beispielhaft für die zwiespältige Rolle der Krähe als bedrohlicher Leichenfledderer und hoffnungsvoller Heilkundiger.
Nicht ohne Grund gehört die Rabenfamilie „Corvus“ seit Urzeiten weltweit zu den magischen Krafttieren. So sollten Erfolge demjenigen beschert sein, der Krähen schwärmen sah, während einzeln fliegende Krähen als Überbringer schlechter Neuigkeiten gefürchtet wurden. Raben galten als Geheimnishüter, während die kleineren Krähen Lügner erkannten.
Die Kelten glaubten, dass Feen und Götter sich in Krähen verwandelten. Sie brachten Botschaften aus der Welt der Toten zu den Lebenden, aber auch die im Kampf Gefallenen in das Reich der Göttin der Unterwelt, Morrigan. Als Höllenkönigin vermochte die Gestaltenwandlerin aber auch Untote für das Schlachtfeld wiederzubeleben. Einen Gruseleffekt, den auch moderne Fiktions-Schriftsteller schätzen. Bereits seit alten Zeiten führen Rabenvögel in den Augen der Menschen ein zwielichtiges Dasein. Totengräber, Galgenvögel und Aasfresser werden sie genannt. Forscher halten dagegen: Sie beschreiben die Krähen als sprachbegabt, sozial und lernfähig. Ihre Intelligenz sei ähnlich der von Primaten, sagen sie.

Im indianischen Horoskop gelten Krähe-Menschen als erfinderisch, spontan und kraftvoll, aber auch unentschlossen. Es fällt ihnen oft schwer, Niederlagen und Fehler einzugestehen und einen anderen Weg einzuschlagen, wenn sie den falschen gegangen sind.“
In der Fantasy-Serie Game of Thrones nennen die nordländischen Wildlinge den „Bastard“ John Snow verächtlich Krähe. Der kluge Grenzwächter mit den dunklen Augen trägt einen schwarzen Federnumhang und gehört zu den Menschen jenseits der weißen Mauer, die den unheimlichen Norden fürchten, sich aber im Süden gegenseitig durch Intrigen, Morde und Kriege das Leben schwermachen. Über sein Schicksal entscheidet der Schriftsteller George R. R. Martin, der das Fantasy-Abenteuer zwischen 1996 und 2011 erdachte.
Natürlich fressen Krähen wie alle Rabenvögel Insekten, Regenwürmer, Beeren, Samen, Früchte, aber eben auch Abfälle und Aas.
Krähen waren auch Nutznießer, wenn Schlachten geschlagen und Verbrecher gehängt wurden. Doch während sie für die einen nur schmutzige, lärmende Totenvögel oder unheimliche Boten sind, nennen andere sie Freund. Einer von ihnen ist der Kanadier Shawn Bergmann. Auf seiner Facebookseite „Canuck and I“ dokumentiert Bergmann seine ungewöhnliche Freundschaft zu der von ihm aufgezogenen Rabenkrähe Canuck (Kanadier) in Videos und Geschichten. Wenn der Mann Canuck als freundlich, treu, lustig, verspielt, aber auch neugierig und sturköpfig beschreibt, klingt es, als rede er von seinem besten Kumpel.

Fakt ist, Krähen kommunizieren miteinander, leben monogam und haben eine starke Bindung zum Partner. Ist der Nachwuchs geschlüpft, versorgt ein Elternteil sowohl den sich um den Nachwuchs kümmernden Partner als auch die Jungvögel mit Nahrung.
Die Vögel leben bestens vernetzt, gesellig und sozial. Sie können zwar nicht rechnen, aber vergleichen und sich erinnern. Tatsächlich sind die Tiere so lernfähig, dass es eine knifflige Aufgabe ist, sie durch das sogenannte Vergrämen umzusiedeln. Kommt es dennoch zu Krähenattacken wie in Hitchcocks Gruselklassiker „Die Vögel“ finden Vogelkundler diese Erklärung: „Rabenmütter“ verhalten sich vorbildlich. Menschen, die sich den vermeintlich hilflos am Boden hockenden Jungkrähen nähern, sollten dagegen aufpassen, denn der gesamte Vogelschwarm umsorgt, schützt und verteidigt seine Brut gegen jegliche Gefahren.
Früher einmal achteten Landwirte die Krähen, weil sie Felder von Schädlingen freihielten und auch unerwünschten Müll entsorgten. Pestizide töteten einen Teil ihrer natürlichen Nahrung. Heute knacken die urbanisierten Vögel Nüsse, indem sie Autos darüberfahren lassen, um so an ihre Nahrung zu kommen. Sie haben sich angepasst.