Hexen juni

Hexenverfolgung im Lipperland

Verfolgt, verbrannt, verscharrt

Der Glaube versetzt Berge – heißt es. Glauben spielte schon immer eine große Rolle, jedoch nicht immer zum Segen der Menschen. Vor allem der Aberglaube führte im Mittelalter und bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zu furchtbaren Tragödien. Insbesondere Frauen wurden als Hexen verfolgt, verurteilt und grausam hingerichtet.

Hexen, die mit Schadenszaubern Mensch und Tier verhexen und schädigen, auf Besen oder Ziegenböcken zu den Hexentanzplätzen reiten und die Teufelsbuhlschaft pflegen, bei der sie, vom Teufel bestiegen, sich mit ihm vereinigen, all das gehörte für die Menschen Ende des 17. Jahrhunderts zum selbstverständlichen Alltagsgedankengut. Man konnte sich Wetterereignisse oder die Entstehung von Krankheiten noch nicht anhand der Naturwissenschaften erklären. In ihrer Unwissenheit und nur wenige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg bauten sich auch die Menschen im Weserbergland ihr Weltbild mit viel „bös’ Geschrey“ zusammen – wie beispielsweise in Barntrup.

„Unwissenheit, Intoleranz und Fanatismus forderten in Barntrup ihre Opfer“, das steht auf der Tafel neben der Holzskulptur der „Anne Hohmut“. Die stilisierte Frauengestalt, von Ketten und Eisen umschlungen, gibt der als Hexe denunzierten Barntruperin ein Gesicht. Am 24. Mai 1658 wurde sie durch das Schwert hingerichtet.

„Die schlimmste Welle der Hexenverfolgungen fand im 17. Jahrhundert statt und nicht im Mittelalter, wie oft angenommen wird“, sagt Stadtführerin Marion Behrend. „Mehr als die Hälfte aller wegen Hexerei in der Grafschaft Lippe Hingerichteten fanden unter der Regentschaft von Graf Hermann Adolph zur Lippe (1652-1666) den Tod.“ Der Alltag der Menschen war von Aberglauben durchdrungen. Selbst Reformator Martin Luther glaubte an die Existenz von Hexen, ebenso wie Paracelsus, der doch als Vorreiter der modernen Medizin gilt.

Zu dieser Zeit beherbergte die Stadt Barntrup 68 Familien, bestehend aus 361 Seelen. Die Stadtführungsgäste, die mit Marion Behrend auf dem Barntruper „Hexengang“ durch die Zeit reisen, stehen an dem Haus (heute Mittelstraße 37), das im Jahr 1657 Gerlach Pennings Gastwirtschaft beherbergte. Als damals der Nachtwächter Johan Stöcker in der Nacht zum 1. Mai, der Walpurgisnacht, von der Hauptstraße in die Gasse neben dem Fachwerkhaus einbog, sah er, so trägt sie es vor, „Lucht und ein groß Getümmel“. So ist es in den Prozessakten vermerkt, die im Detmolder Landesarchiv liegen. Er sei um das Haus herumgegangen, die Tür habe offengestanden, und da habe er gesehen, „daß daselbst im Hauße ein Hauffen Weyber getanzet“. Als er das sah, habe er große Schmerzen im Leibe bekommen, sich eine Stunde nicht bewegen, nicht sprechen oder sich von dem Ort fortbewegen können, so heißt es weiter. Auf Händen und Füßen sei er nach Hause gekrochen und hätte in den drei folgenden Nächten seinen Dienst nicht versehen können, so krank sei er durch den auf ihn ausgeübten Schadenszauber geworden.

Das erzählte er kurze Zeit später seinem Schuhmacher und nannte 14 Frauen namentlich, die er in jener Nacht gesehen haben wollte. Von da an ging das Gerücht, „ein bös’ Geschrey“, vom Hexentanz in Gerlach Pennings Haus durch ganz Barntrup. Dies war der Beginn einer Kette von Gerüchten und Diffamierungen, die für zehn der Angeklagten tödlich endete. Am 18. Juni 1657 wurde Johann Stöcker verhört und damit zum Kronzeugen der Barntruper Hexenprozesse. Bürgermeister Hans Düvels, der Ehemann der des Teufelstanzes verdächtigen Clärken Düvels, bestand auf einer „Wasserprobe“, sowohl für seine Ehefrau als auch für Johan Stöckers. Er hoffte damit, die Unschuld seiner Frau zu beweisen – doch vergeblich.

Bezeichnenderweise wurde nur Clärken Düvels gefesselt ins Wasser geworfen. Die Menschen glaubten damals, eine Hexe sei so böse und unrein, dass sie bei dieser Probe vom Wasser abgewiesen werde, erklärt Marion Behrend. Dreimal schwamm Clärken Düvels oben auf dem Wasser. Sie wollte einfach nicht untergehen und wurde deshalb am 26. Oktober 1657 als erste der von Stöcker bezichtigten Frauen durch das Schwert hingerichtet und anschließend verbrannt. Der Tod durch das Schwert galt dabei als Gnadentod. Manches Mal konnte er erkauft werden. Die beschuldigten Frauen kamen aus allen Gesellschaftsschichten, so Behrend. Sie hätten in keiner Weise den heute gängigen Klischees über Hexen entsprochen. Auch den anderen denunzierten Frauen wurde in Brake der Prozess gemacht.

Die alten Prozessakten geben Einblick in das Leid, das die neun Frauen und ein Mann im Gefängnis zu Brake bei formeller Befragung, "peinlicher" Befragung, Folter und Wasserprobe bis zur Verurteilung und Hinrichtung ertragen mussten. Auf dem Marktplatz allerdings wurden die zum Tode Verurteilten nicht verbrannt. „Das wäre wegen der Feuergefahr für die umliegenden Häuser viel zu gefährlich gewesen“, erklärt Marion Behrend. Der Hinrichtungsort lag außerhalb Barntrups, „Unter der Eiche“. Keines der zehn Barntruper Opfer wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

Luis Knese trug die historischen Informationen in seinem Buch „Zauberwahn und Hexenprozesse in Barntrup“ zusammen, das der Lippische Heimatbund zusammen mit der Stadt Barntrup veröffentlichte. Acht der zehn Angeklagten wurden mit dem Schwert hingerichtet, fünf davon nach dem Tode verbrannt und vier am Schindanger „verscharret“. Am Schindanger außerhalb der Stadt wurden ansonsten die Überreste von Tieren vergraben, die nicht mehr genutzt werden konnten.

Während der Befragungen spielte man die angeklagten Frauen gegeneinander aus, wobei sie sich oft gegenseitig der Hexerei bezichtigten. Dies geschah wohl teils in der Hoffnung, selbst davonzukommen, teils aus Missgunst und Neid. Allein, wenn die Kälber der Nachbarin besser gediehen als die eigenen, oder die Bäuerin vielleicht sogar mit den Tieren sprach, wurde aus damaliger Weltsicht übernatürlichen Ursachen zugeordnet.

„Unter Folter sagten die Frauen alles, was ihre Peiniger hören wollten“, so Pastorin Bettina Hanke-Postma, die sich für die Landeskirche auf die Spurensuche rund um die Hexenverfolgung im lippischen Südosten begeben hat. Auch die sechs Barntruper Hexentanzplätze, um die es zu der Zeit dieses „bös’ Geschrey“ gab, seien wohl von den gefolterten Frauen benannt worden, um die Folter zu beenden. Hatte eine wegen Hexerei angeklagte Frau unter der Folter die ihr vorgeworfenen Taten vor dem Gericht des Landesherrn in Brake gestanden, so wurde ihr ein Priester geschickt, damit sie ihre Taten bereuen und er ihre Seele retten konnte, erklärt die Pastorin die damalige Rolle der Kirchenmänner. Ein Widerruf der angeklagten Frau hätte in Kirchenaugen deren Seelenrettung in Gefahr gebracht. Deshalb war es den Priestern lieber, die Frau blieb bei ihrem erzwungenen Geständnis.

Der katholische Priester Friedrich Spee von Langenfeld veröffentlichte 1631 anonym sein berühmt gewordenes Buch „Cautio Criminalis“, das er zum Teil im nahen Falkenhagen schrieb, wo er sich vor der Obrigkeit versteckte. Als Beichtvater hatte er verurteilte Frauen zur Hinrichtung begleitet und kam, entgegen der damaligen staatlichen Rechtsauffassung und Kirchenlehre, zu dem Schluss, dass die Folter nicht der Wahrheitsfindung dienen kann, weil sie jede beliebige Tat erpressen könne.

Als einzige der Angeklagten konnte Liesken Sevinghausen aus dem Gefängnis fliehen. Sie muss Helfer gehabt haben, meint Stadtführerin Behrend. Nach drei Prozesstagen im Juni 1658 war sie „zu Brake ausgestiegen und wegkommen“, so steht es in den Akten. Wer weiß - vielleicht ist sie sogar auf dem Besen davongeritten.

Den einzigen wegen „Teufelsbuhlschaft“ angeklagten Mann, Franz Koop, genannt Paal Franzen und mit 40 Jahren jüngstes Opfer, trieb die Folter in den Selbstmord. Er erhängte sich in seiner Zelle. Der Teufel habe ihm das Genick gebrochen, so wurde es behauptet. Der Spielmann hatte den Ruf eines großmäuligen und untreuen Ehemannes. Er prahlte mit seinen Ehebrüchen und behauptete dazu, dass das, was die Frauen von ihm auf die Welt brächten, des Teufels Kinder seien und nicht seine. Bei diesen vermutlich in nicht ganz nüchternem Zustand gemachten Äußerungen fiel der Obrigkeit eine Anklage nicht schwer. Er wurde wegen Ehebruchs und Hexerei zum Tode verurteilt.

Kürzlich wurde die Buchenskulptur der Annen Hohmut als Teil des Barntruper Kunstpfades vor Gerlach Pennings Gastwirtschaft aufgestellt. Pennings war ihr Ehemann gewesen. „Wie fühlt man sich da ohne Hände, ohne Beine eingezwängt und es gibt kein Entkommen“, fragte sich die Künstlerin Sieglinde Strohmeier bei ihrer Arbeit. Das Gesicht schnitzte sie aus altem Lindenholz, welches lange auf dem Dachboden des Barntruper Schlosses lagerte. „Vielleicht haben die Frauen diesen Baum sogar gesehen.“

Mütterlicherseits stammt Sieglinde Strohmeier aus Barntrup. „Es würde mich schon interessieren, ob meine Vorfahren zu den Verfolgten oder Verfolgern gehörten“, so geht sie ihren Gedanken nach. Sie sieht die Skulptur auch als ein Mahnmal dafür, andere Menschen nicht zu diffamieren. Stadtfüherin Marion Behrend will mit ihrem Hexengang durch Barntrup aufzeigen, was gewesen ist und es nicht in Vergessenheit geraten lassen. Doch die Verfolgung und Hinrichtung von Menschen wegen Hexerei gehöre in vielen Ländern leider immer noch nicht der Vergangenheit an, betont sie.

 

Aus dem Archiv der Deister- und Weserzeitung