Undine Teich quer

Undines Geheimnis

Woher Fouqué die Inspiration für seine Geschichte nahm

Die tragische wie romantische Geschichte von Fouqués „Undine“ ist folgende: Das junge Mädchen Undine strandet bei einem armen Fischerehepaar, das auf einer einsamen Seespitze lebt. Sie ist übermütig und vorlaut, aber ebenso anmutig und liebenswert. Eines Tages kommt ein Ritter namens Huldbrand durch den märchenhaften Wald in die verlassene Hütte. Er kann Undines Charme nicht entkommen und heiratet sie.

Erst nach der Hochzeit offenbart Undine ihr Geheimnis. Sie ist eine Meerjungfrau, die nur dann eine Seele erlangt, wenn sie sich mit einem treuen und liebenden Menschen vermählt. Nachdem sie die Einsamkeit gegen das Leben in der Stadt eintauschen, nimmt die Geschichte eine schleichende Wende. Huldbrand begehrt eine andere Frau, sodass Undine am Ende nichts anderes bleibt, als ihren Ehemann zu töten. So besagen es die Regeln ihrer Welt.

Keine Spur von Happy End – an dieser Stelle kommt Fouqués Lebensgeschichte ins Spiel. Der Hannoveraner Peter Struck hat sich intensiv mit seiner Biografie auseinandergesetzt und auf dieser sowie auf den Erkenntnissen von Arno Schmidt seine Theorie aufgebaut. Diese stellt die Zusammenhänge wie folgt dar:

Alles begann im Jahr 1795. Der junge Offizier Fouqué – damals 18 Jahre alt –war in der Nähe von Minden stationiert. Die Offiziere waren zu einer Gesellschaft außerhalb eingeladen. „Eigentlich hatte Fouqué gar keine Lust darauf“, berichtet Struck. Da er sich aber doch breitschlagen ließ, begleitete er seine Kameraden und lernte die 15-jährige Elisabeth von Breitenbauch kennen. Fouqué schildert in seiner Autobiografie, wie er mehrmals mit ihr tanzt, nachdem ein Gewitter sie aus dem Park vertrieben hatte. „Er war furchtbar verliebt“, weiß Struck. „Noch war alles in Ordnung“, aber ihre Liebe währte nicht lange, denn als sie sich wiedertrafen, verweigerte sie ihm den Tanz.“ Der Grund: Ein Kamerad hatte ihn bei ihr als untreu angeschwärzt. Eine enttäuschte Liebe, ebenso wie die Geschichte von Undine und Huldbrand.

Aber wo fand dieser Ball statt? Arno Schmidt konnte es nicht herausfinden, also machte sich Struck auf die Suche, um den „weißen Fleck“ der Geschichte zu tilgen. Er suchte eine Parkanlage und ein altes Gasthaus irgendwo bei Minden. Durch Zufall stieß er auf „Die große Klus“ am Märchenwald bei Röcke. „Als ich das erste Mal an dem ehemaligen Julianenschloss vorbeifuhr, ahnte ich nicht, dass dieses der Ort war, nachdem ich suchte“. Ein Heimatforscher brachte Aufklärung. Im Jahr 1794 ließ die Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe an der Klus – das war der damalige Grenzübergang zum preußischen Fürstbistum Minden – ein Jagdschloss mit einem englischen Garten bauen, das auch als „Lustschloss“ bezeichnet wurde. Eine Allee führte in den Park mit einem Teich, der über zwei kleine Inseln verfügte. Der Teich erinnert an die Erzählung, weist Struck hin.

Er könnte die Vorlage für den Ort gegeben haben, an dem Undine ihrem Huldbrand ihre Meerjungfräulichkeit beichtet, denn durch die Sturmflut ergab sich auf der Seespitze ebenfalls eine Insel. Durchaus vorstellbar, glaubt Struck. Den Teich mit den Inseln gibt es noch heute unter dem Namen Julianensee. Spaziert man gegenüber der „großen Klus“ – die heute als Hotel dient – in den Wald hinein, stößt man nach etwas dreihundert Metern auf die Wasserstelle, die von Bäumen und Sträuchern versteckt liegt. Hier könnte auch Fouqué mit seiner Geliebten ein paar schöne Stunden verbracht haben, vermutet Struck, der sich vorstellen kann, wie die beiden mit dem Bötchen auf die kleine Insel geschippert sind.

Dies alles scheint zunächst weit weg von der Theorie zu liegen, der Undinensee sei das Steinhuder Meer, aber die Geschichte geht weiter.

In späteren Jahren kehrte Fouqué nach Steinhude zurück, mehrmals soll er das Steinhuder Meer besucht haben. „Das beweist ein Eintrag in einer Art Poesiealbum auf dem Wilhelmstein“, erklärt Struck. Die Annahme, Fouqué habe seine Undine aus dem Steinhuder Meer entspringen lassen, hält Struck zugegebenermaßen für „etwas dünn.“ Dennoch glaubt er, das dem Schriftssteller dieses Gewässer als Inspiration für seine Erzählung diente. Fouqué kam ja nicht aus der Gegend – und seine Undine hätte er sicher nicht einem Fluss oder aber dem kleinen Teich im Wald entsteigen lassen.

Da sei der Bezug zum Steinhuder Meer doch wahrscheinlicher. Einen weiteren Hinweis darauf liefert der Sturm. Dieser zieht in der Erzählung über die Seespitze, auf der das Fischerehepaar lebt, während Fouqué in seiner Biografie von einem Sturm auf dem Steinhuder Meer berichtet.

Genau lässt sich der Ursprung der Undine-Erzählung nicht herleiten, aber was wäre ein solcher Mythos ohne seine Geheimnisse?