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Zauberkraft der Pflanzen

Machtvolle Bäume und heilende Kräuter

Von Cornelia Kurth

Eine Bohne, die bis zum Mond wachsen kann; ein Strauch, dessen Nüsse kostbare Kleider enthalten; Rosen, die das Schloss der Märchenprinzessin umranken, und eine blaue Blume, die Liebe, Sehnsucht und das Geheimnis des Lebens symbolisiert - Pflanzen aller Art spielen eine große Rolle in Märchen und Sagen. Allen voran sind da die Bäume. Im Paradies wächst der „Baum des Lebens“ und der gefährliche „Baum der Erkenntnis“, die alten Germanen kannten den Weltenbaum „Yggdrasil“, und kaum eine Kultur existiert, in deren Mythologie es nicht ebenfalls einen „Weltenbaum“ gibt.

Der Baum gleicht dem Menschen, schreibt im 16. Jahrhundert der deutsche Arzt und Philosoph Paracelsus: Der habe ebenfalls eine Haut, das ist die Rinde; sein Haupt und Haar sind die Wurzeln. Der Baum habe des Menschen Figur und seine Zeichen, seine Sinne und seine Empfindlichkeit im Stamme. „Sein Tod und sein Sterben sind die Zeit des Jahres.“ Dieses Verwandtschaftsgefühl führte oftmals dazu, dass die Menschen den Bäumen eine Seele zusprachen (manche tun das noch heute). J.R.R. Tolkien, der den Briten mit dem „Herrn der Ringe“ eine eigene Mythologie erschaffen wollte, versieht ganze Wälder mit guten oder finsterem Charakter und erfindet das Baumvolk der „Ents“, die auf der Seite der Menschen in den großen Ringkrieg eingreifen.
So kriegerisch wie bei Tolkien sind Bäume sonst allerdings nicht. Der „Weltenbaum“ bildet eine Art Rückgrat der Erde. Seine Wurzeln reichen ins Totenreich, sein Stamm durchwächst die Welt der Menschen und sein Haupt trägt den Himmel. Oft haust zu seinen Füßen eine Schlange und in seinen hohen Ästen leben mythische Vögel, wie etwa der namenlose Adler der Germanen. Götter, Geister und Elfen leben in Bäumen, und eigentlich immer sind diese hohen, mächtigen Gewächse mit etwas Positivem verbunden, bringen sie den Menschen doch nicht nur Früchte, sondern auch den unverzichtbaren Werkstoff Holz und dazu die Möglichkeit, ein wärmendes Feuer zu entfachen.
Dass Bäume eine eigene Persönlichkeit haben können, beschreiben auch einige Märchen und Sagen. Aschenputtel zum Beispiel pflanzt einen Haselnusszweig auf das Grab ihrer Mutter. Aus dem wächst ein Bäumchen, dem sie ihr Leid als Waisenkind klagt und der ihr die Nüsse schenkt, in denen die Ballkleider stecken, mit denen sie den Prinzen auf sich aufmerksam macht. Im Grimmschen Märchen „Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein“ ist es ebenfalls ein Baum, der ein trauriges Mädchen tröstet und nur ihr allein Blätter aus Silber und Früchte aus Gold zukommen lässt. Von der Linde heißt es bei den Germanen, sie, als Baum der Göttin Freyja, könne die Wahrheit ans Licht bringen: Bis ins 18. Jahrhundert hinein also wurden Gerichtsverhandlungen und Thingversammlungen unter Linden abgehalten.
Unter den Früchten der Bäume sticht der Apfel hervor, dieses Symbol für Liebe, Erotik und Fruchtbarkeit und deren manchmal gefährliche Konsequenzen. Ein goldener Apfel, gewachsen im Garten der griechischen Nymphen, der Hesperiden, löst den Trojanischen Krieg aus, weil der junge Königssohn Paris ihn der Liebesgöttin Aphrodite schenkt, um zum Lohn die schönste Frau der Welt zu bekommen, Helena, die leider erst geraubt werden muss, damit das Versprechen erfüllt werden kann. Ein vergifteter Apfel ist es, der dem Schneewittchen in der Kehle stecken bleibt, und auch die verbotenen Früchte am paradiesischen „Baum der Erkenntnis“ wurden durch einen vielleicht nicht ganz zufälligen Übersetzungsfehler in der deutschen Bibel und in Kunst und Literatur als Äpfel identifiziert.
Insgesamt ist es kein Wunder, dass die pflanzliche Natur und ihre Gaben in Märchen und Sagen zum Thema werden. Nicht nur ihr Wachsen und Vergehen erschien als göttliches Wunder. Viele Früchte und Kräuter besitzen ja wunderliche Eigenschaften, zum Guten und zum Schlimmen. Unzählige Geschichten, in denen ein Held aufgefordert ist, das eine heilbringende Pflänzlein zu finden, unzählige andere, in denen ein Kraut Krankheit oder Tod bringt. Elf Pflanzen, deren Name mit dem Wort „Hexe“ beginnt, zählt ein Lexikon der „Zauberpflanzen“ auf, und fünf weitere, die den „Teufel“ in ihrem Namen tragen. Die Kräuterweiblein, die sich mit den Wirkungen der Pflanzen auskannten, standen nur zu oft im Verdacht, eine Hexe zu sein und mit dem Teufel im Bunde zu stehen.
Es waren eben sehr rätselhafte Entdeckungen, die sie rund um die Pflanzen aus Wald und Wiese machten. Selbst, wenn man mit ihnen Krankheiten heilen oder die Seele beruhigen konnte, erregte das Unruhe. Kann nicht, wer das Geheimnis über heilende Wirkungen besitzt, bei anderer Gelegenheit sein Wissen in übler Weise nutzen? Besaßen die Hexen nicht Kräuter, mit deren Hilfe sie zum Teufelstanz reisten, Mixturen, die den Frauen zum ungeheuerlichen Abort verhalfen, und Liebestränke, die Männer und Frauen willig machten, ob sie wollten oder nicht?
Um sich gegen solche Zauber zu schützen, avancierte eine Pflanzenwurzel zu einem wahren Wundermittel gegen alles Böse, und wer sie irgendwie ergattern konnte, gab sie nie wieder her und vererbte sie an seine Kinder - die Alraune. Essen durfte man sie freilich nicht, keinen einzigen Teil dieser hochgiftigen Pflanze, deren Einnahme schon in geringen Mengen den Tod durch Atemstillstand hervorrufen kann. Der brave Bürger wollte die Alraune auch nicht als Mordinstrument besitzen. Ihre Wurzel, deren eigenartige Form an ein Menschlein erinnert, sie wurde wie ein Schutzamulett benutzt. Angeblich stieß die Pflanze einen grauenhaften Schrei aus, wenn sie ausgegraben wurde, und wer sie mit eigenen Händen ausgrub und nicht einen Hund dafür einsetzte, musste sterben oder war für immer verflucht.
Rapunzel, so heißt ein Mädchen aus einem weiteren Grimmschen Märchen. Sie hätte auch „Feldsalat“ heißen können, denn genau das ist die Rapunzel, ein Blättersalat, der reichlich Eisen und Spurenelemente besitzt, gut für schwangere Frauen. Rapunzels Mutter begehrt diese Blätter aus dem Garten der alten Nachbarin so sehr, dass sie bereit ist, ihr noch Ungeborenes als Gegengabe anzubieten. Das „Rapunzel“ genannte Kind wird in einen Turm gesperrt und muss sein langes Haar herunterlassen, damit die Alte ihm etwas zu Essen bringen kann. Später ist es ein Prinz, der an den Haaren emporklimmt und dafür erblinden muss. Rapunzel verliert ihr Haar und wird verbannt. Erst Jahre später sind die beiden erlöst. Wie auch immer tiefenpsychologisch dieses Märchen interpretiert worden ist, erstaunlich bleibt, dass man im Volk um die lebensspendende Kraft der Rapunzel Bescheid wusste.
Dass Dornröschen in ihrem hundertjährigen Schlaf durch dornige Rosenranken rund um ihr Schloss von der Welt ferngehalten wird, eine Hecke, die sich erst für den Prinzen öffnet, wenn die Rosen erblühen, ist eine einleuchtende Metaphorik. Ganz unmetaphorisch spielt ein englisches Märchen mit der ungeheuren Wachstumskraft der Bohnenranke, indem es vom „Hans“ erzählt, dessen Zauberbohne bis in den Himmel wächst, wo ein Riese lebt, mit dem er allerlei dramatische Abenteuer erlebt. Auch „Lügenbaron“ Münchhausen berichtet davon, wie die schnell wachsende „türkische Bohne“ es ihm ermöglichte, seine Axt, die er bis auf den Mond geschleudert hatte, wieder zurück holt, indem er an der Bohne ganz hoch hinauf stieg.
Die immergrüne Mistel, der Druiden heiligste Pflanze, zeigte an, dass Götter den Baum bewohnten, an dem eine Mistel wächst. Sie durfte nur mit goldenen Sicheln geschnitten werden und nur im Rahmen eines Gottesdienstes. Tatsächlich brauten die Druiden auch ihre Zaubertränke mit Mistelkraut, ganz so wie Miraculix aus „Asterix und Obelix“. Obwohl ihr überwiegend gute Eigenschaften zugesprochen werden, gehört auch sie zu den Hexenpflanzen, die Namen wie „Hexenbesen“ oder „Hexenkraut“ trät.
Bleibt noch die berühmte „Blaue Blume“ der Romantiker zu erwähnen. Manche sehen in ihr die Kornblume oder die hellblaue Wegwarte. Doch recht eigentlich ist die „Blaue Blume“, die der Heinrich von Ofterdingen des Schriftstellers Novalis nach langer Suche in einer fantastischen Höhle entdeckt, ein Symbol für die menschliche Sehnsucht, eins werden zu können mit der Natur. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, sind Schlüssel aller Kreaturen“, heißt es bei ihm, „wenn sich die Welt ins freie Leben, und in die Welt wird zurückbegeben“, so weiter, „dann fliegt vor Einem geheimen Wort, das ganze verkehrte Leben fort“.