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Endete der Rattenfänger in der Teufelsküche?

Historiker vermutet, dass Sagenfigur und Hamelner Kinder im Koppenberg verschwanden

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„Calvarie“ „Cobbanberg“ „Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.“ So beschreiben die Brüder Grimm in ihrer Sagensammlung von 1816 den Auszug der Hamelner Kinder. Schon auf dem ältesten erhaltenen Bild zur Sage von 1592 wird die Kinderschar zu einem Berg geführt, der sich vor der Gruppe zu öffnen scheint. Am Rattenfängerhaus heißt es, die Kinder seien „to Calvarie bi den Koppen“ geführt worden. meint vermutlich einen Hinrichtungsplatz. Diese Orte wurden früher auch als Kalvarienhügel bezeichnet. Der älteste schriftliche Bericht von der Rattenfängersage schreibt Mitte des 15. Jahrhunderts davon, dass der Pfeifer mit seinem Gefolge zum Calvarien- oder Hinrichtungsplatz hinauszog. Was allerdings mit „den Koppen“ gemeint ist, ist umstritten. Der Coppenbrügger Heimatforscher Gernot Hüsam hat dafür eine zumindest örtlich naheliegende Antwort gefunden: Als Galgenberg sei die Heerburg bei Coppenbrügge – an der heutigen Bundesstraße 1 – bekannt. Der Ith-Oberberg wurde in einem Zeugnis aus dem Jahr 1013 genannt. Hüsam vertritt die These, dass Rattenfänger und Kinder in einer Höhle verschüttet wurden, vermutlich dort, wo sich heute die „Teufelsküche“ befindet.

Er stützt sich dabei auf ein mundartliches Gedicht aus dem 14. oder 15. Jahrhundert und auf ein Reimgebet in lateinischer Sprache, dass nach seiner Übersetzung sogar noch im Sagenjahr 1284 verfasst wurde. Hüsam übersetzt das lateinische Gedicht aus einem verlorenen gegangenen Messbuch des Hamelner Münsters so, dass „hurende“ Hamelner „ostwärts“ der Stadt von einem „Schädel“ verschlungen wurden. Der Heimatforscher interpretiert die Zeilen so, dass Hamelner zu Zeiten der Sommersonnenwende gen Osten – zum „Koppenberg“, dem „Köpfeberg“– zogen. Heidnisches Brauchtum trieb sie dort hin, sexuelle Ausschweifung inklusive. Die sündige Schar wurde dann in ihrer Kulthöhle – warum auch immer – verschüttet, so Hüsams Interpretation. „Die lebende Generation stand unter einem Schock, der sich erst in der Neugier späterer Generationen in schriftlicher Form löste“, schreibt der Coppenbrügger.

Graf von Spiegelberg Ein halbes Jahrhundert vor Hüsam hatte 1957 bereits die Historikerin Waltraud Woeller die Teufelsküche als möglichen Endpunkt des Auszugs ins Auge gefasst. Dieser Ort, teils sumpfig mit leicht herabstürzenden Felsbrocken, schien ihr ein passender Ort für den Untergang der Kindergruppe. Eine Erklärung, wie genau dort 130 Menschen gleichzeitig zu Tode gekommen sein sollen, blieb sie jedoch damals schuldig. Hüsam brachte 1990 die Möglichkeit eines kaltblütigen Verbrechens ins Gespräch: „War das Ende im Koppenberg ein geplanter Massenmord?“ fragte er in einem Dewezet-Artikel. Auch ihm erscheint eine Naturkatastrophe an eben diesem Tag vor 725 Jahren doch gar zu zufällig. Seine Erklärung: Um gegen heidnische Bräuche und Ausschweifungen auf dem Berg vorzugehen, könnte der – der auch in einer Auswander-Theorie auftaucht – einen Steinschlag ausgelöst haben, der den Höhleneingang versperrte und die jungen Hamelner tötete. Eine archäologische Grabung im Naturschutzgebiet strengte bisher jedoch niemand an. „Ich glaube nicht, dass man da etwas finden würde“, meint der Hamelner Museumsleiter Stefan Daberkow.