• Höhlen
  • Höhlen

Geheimnis Höhle

Im Reich der Zwerge, Touristen und Steinzeitkünstler

Die Höhle aller Höhlen, die wir alle kennen, ohne sie wirklich zu erinnern: Mamas Bauch. Und sicher unbewusst: prägend. Ein Leben lang. Wir suchen Höhlen, die uns umschließen, einhüllen. Unsere Wohnungen, Häuser – nichts als Höhlen, auch wenn sie mit glatten Wänden und Ecken gestaltet sind. Rundumschutz und allemal den Rücken freigehalten. Selbst in Restaurants und Cafés sind es die Eckplätze, die als erste besetzt werden. Den Blick auf das Fremde, den Feind vielleicht, sichern und nach hinten Schutz bieten.

Von Richard Peter

Höhlen also nicht nur als erste Schutzhülle – Höhlen als Behausungen unserer Urzeit, auch wenn wir sie häufig mit Tieren teilen mussten. Bären suchen in ihnen Schutz, Fledermäuse finden hier ideale Bedingungen. „Höhlenkinder“ hieß ein Jugendbuch, das wir als Kinder mit hochroten Wangen gelesen haben. Höhlen auch als eine Art Urgalerie – ausgeschmückt von Künstlern, deren Werke auch nach 20 000 Jahren ungläubiges Staunen hervorrufen. Altamira, Les Eyzier, Font de Gaume mit ihren Meisterwerken, genial gestalteten Urtieren am Rande der Eiszeit. Kultbilder – Darstellungen als Stellvertreter, schon früh religiös gedeutet – und vermutlich doch nur eines: Beweise, dass es schon damals Künstler gab, die gar nicht anders konnten, als die Wände der Höhlen mit ihren Bildern auszuschmücken. Alles kleine und große da Vincis, Michelangelos, Rembrandts, Goyas und Picassos, die hier ihre unterschiedlich strukturierten „Leinwände“ genial einbezogen. Die Erhöhungen und Vertiefungen in ihre Werke integrierten. Unvergängliche Bilder – denen nur die Grünalge gefährlich wird, die sich vom menschlichen Atem nährt. So sind Höhlen wie Les Eyzier für das Publikum gesperrt, aber immer wieder als Nachbildung zu besichtigen. Vor Jahrzehnten war es das Roemer- und Pelizäus-Museum, das eine solche Ausstellungs-Schau präsentierte.
Höhlen: mystische, geheimnisvolle Orte im Dunklen, seltsam gestaltete Bühnen. Auch die hämelschen Kinder verschwanden der Sage nach in einer Höhle. Ihre Spur verliert sich im Koppen – auch wenn sie später in Nord und Ost geheimnisvoll wieder auftauchen. Tolkiens „Herr der Ringe“ spielt grandios mit Höhlenwelten, die die traditionelle Welt der Zwerge ist, die hier Erze abbauen, Gold, Mineralien. Und natürlich sind Höhlen auch Hauptdarsteller in Jules Vernes Roman „Zum Mittelpunkt der Erde“.


Gespenstischer Wohnort auch für Drachen, wie in der Nibelungen-Sage – auch bei Richard Wagner – wo Fafner den geraubten Nibelungenschatz hütet, bevor er von Siegfried, dem frühen, blonden Supermann der Deutschen, getötet wird. Höhlen auch ganz konkret und in den skurrilsten Ausformungen. Glitzernde Eishöhlen, und ganz Floridas Untergrund ein einziger Schweizer Emmentaler, der immer wieder Häuser und Straßen-Abschnitte versinken lässt. Die Höhle in der Kunst als Urform, wie sie Hieronymus Bosch im „Jüngsten Gericht“ und seinem „Garten der Lüste“ darstellt.
Auch im Guinness-Buch der Rekorde finden sich Höhlen – diese natürlich entstandenen Hohlräume, die sich von den künstlichen, von Menschen geschaffenen oft kaum unterscheiden. Salzbergwerke mit ihren ausgelaugten Grotten und Seen tief in der Erde, die mit Booten befahren werden können und den Versorgungsstollen, die sich die Natur mit Stalagmiten und Stalagtiten zurückerobert.
Das längste Höhlensystem der Welt, „Mommoth Cave“, findet sich im US-Bundesstaat Kentucky und misst 644 Kilometer, zu denen sich immer wieder weitere addieren. Als die tiefste mit 2197 Metern sei die Vorony-Höhle im Kaukasus in Georgien genannt – die damit den Guffre Mirolda in Haute Savoie in Frankreich mit einer Länge von 10 000 Metern und einer Tiefe von 1733 Metern ablöst.
Berühmt als größte Eishöhle der Welt: die Eisriesenwelt bei Salzburg – die tiefste und kälteste Region der Erde. 1879 entdeckt, fasziniert sie noch heute jährlich 200 000 Besucher mit ihren fantastischen, gigantischen Säulen, Türmen aus Eis, erstarrten Wasserfällen, Gletschern, der sogenannten Kathedrale, an einen Elefanten erinnernde Formen und einen Thron, auf dem auch ein Barbarossa sitzen könnte. Und letztlich: ganz in der Nähe in Werfen bei Salzburg an der Grenze zu Deutschland.
Was Nähe betrifft – auch unsere Schillathöhle bei Hessisch Oldendorf – eine sogenannte Karst- oder Tropfsteinhöhle, die mit 340 Metern zwar nicht zu den Rekordlern gehört – kann aber, zumindest bei uns mit der am nächsten gelegenen Höhle, einen, wenn auch bescheidenen Rekord reklamieren – ähnlich der Einhorn-Höhle in Herzberg am Harz.
Höhlen, abgesehen von ihrer touristischen Bedeutung galten immer schon als Motive in Mythen, Träumen und Märchen. Ob Barbarossa oder die sieben Zwerge aus Schneewittchen, sie alle führen ein Höhlenleben, sind tief in der Erde verwurzelt in einer geheimnisvollen Welt, die gleichermaßen fasziniert wie Angst macht.
Vor allem dort fasziniert, wo Künstler sich, wie in Lascaux in der Dordogne zum Ende der Eiszeit zwischen 17000 und 15000 Jahren, als Höhlenmaler verewigten. Heute schätzt man, dass dort bereits vor 38 000 Jahren Künstler ihre Werke schufen. Auch in Font de Gaume, die als eine der wenigen Höhlen, die durch die Grünalge nicht ganz so gefährdet, begrenzt begehbar ist. Berühmt auch Altamira im spanischen Kantabrien, nahe Santander, mit 930 steinzeitlichen Höhlenmalereien, etwa 16 000 vor Christi entstanden.
Und noch immer gibt es Entdeckungen: 1994 war es die Chauvet Höhle in Südfrankreich mit mehr als 1000 sensationellen Wandmalereien, deren erste bereits vor 37 000 Jahren entstanden sind. Eine zweite Phase wird auf 28 000 Jahre datiert. Höhlen gehören zu unserer Welt. Ihre Vielfalt macht sie nur noch geheimnisvoller.Unheimlich schön – allemal schön unheimlich.
Schillathoehle 0058