Reinhardswald Äste

Im Märchenwald

Der einzigartige Zauber des Urwaldes Sababurg

Wald ist Wald. Oder etwa nicht? Ob dichte Buchen, seltene Eichen- oder lichtere Fichtenwälder: Den Deutschen wird von jeher eine besondere Beziehung zum Wald nachgesagt. Er gilt als Sehnsuchtsort, als Ballungsraum schwärmerischer Gefühle.

Von Dorothee Balzereit

Dichter und Maler der Romantik haben sich an ihm abgearbeitet, aber auch die Nationalsozialisten. Sie versahen die deutsche Naturliebe mit einem Rassestempel (Die Deutschen in der Nachfolge der Germanen galten als ursprüngliches „Waldvolk“, die Stigmatisierung der Juden als „Wüstenvolk“ sollte deren Diskriminierung und Verfolgung rechtfertigen). Die politische Instrumentalisierung der Waldliebe wirft einen finsteren Schatten auf die romantische Bewegung, die Anfang des 19. Jahrhunderts ihren Lauf nahm, und würzt die Frage: „Welches ist der deutscheste aller Wälder?“ mit einem ungewollten Beigeschmack.
Die Beantwortung fiele auch ohne Nazi-Dünkel schwer. Welcher Wald sollte das sein? Der Teutoburger Wald mit seiner mythenreichen Hermannsschlacht? Die geheimnissvolle Eifel? Der Schwarzwald, als größter deutscher Wald, mit seinen tiefen Tälern, Schluchten und verfilzten Waldwegen? Der in Goethes Faust beheimatete kleine Harz mit seiner berühmten Walpurgisnacht? Oder vielleicht der zauberhafte Reinhardswald in Nordhessen nahe Hofgeismar?
Als „Hallraum der Seele“ bezeichnete einst der Dichter Joseph von Eichendorff den deutschen Wald, und so gesehen hallt dort eine Menge. Der in seiner urwüchsigen Form einzigartige Urwald Sababurg (Bestandteil des Reinhardswaldes) gilt als Märchenwald schlechthin. Die Brüder Grimm bereisten das Gebiet in ihrer Kasseler Zeit intensiv und sammelten unzählige Geschichten, die sich dort beheimatete um Natur- und Kulturdenkmäler ranken.
Vor allem für Wilhelm Grimm waren dichte Wälder neben abgelegenen Bergen die bevorzugten Gegenden, in denen sich die Volksüberlieferung wie Märchen und Sagen am ursprünglichsten und vollständigsten erhielten. Jacob Grimm erklärte in seiner „Deutschen Mythologie“ den Wald zum Ort ursprünglichen Volksglaubens und germanisch-deutscher Gottesverehrung.
ReinharswaldSpürt man diesem angeblich sehr deutschen Gefühl landet man schnell im nationalen Pathos. Der Grat ist schmal. Man kann die verkopfte Sicht aber auch beiseite lassen und es mit den Romantikern halten. Den Wald einfach auf sich wirken, sich gefangen nehmen lassen. Einsamkeit suchen, einsam werden, eins werden mit der Natur und sich selbst.
Betritt man den Reinhardswald, kann man sich diesem viel beschworenen Gefühl des auf die Natur zurückgeworfenen Menschen kaum erwehren. Die uralten, stillen Baumriesen, deren Äste, Wurzeln und Knollen skurrile Gebilde unterm Blätterdach bilden, lassen den Ort im wechselhaften Licht lebendig werden. Die dramatischen Zerfallsprozesse der mächtigen Bäume sind außergewöhnlich schön. Und auch eine Metapher auf das Leben, die auf melancholische Weise unser aller Vergänglichkeit betont.
Neben den zum Teil 170 Jahre alten Eichenpflanzwäldern und einer 200-jährigen Eichenallee gibt es auch mächtige alte Buchen, Birken und Lärchen im Reinhardswald, der mit mehr als 20 000 Hektar Hessens größtes geschlossenes Waldgebiet ist. Ein Teil davon ist das Naturschutzgebiet „Urwald Sababurg“, mit 92 Hektar ungefähr so groß wie Helgoland, es wurde 2007 100 Jahre alt.
Das Gebiet zählt zu den am wenigsten besiedelten Regionen Deutschlands. Mittendurch führt die deutsche Märchenstraße und kommt hier dem Herz der Grimmschen Sagen und Märchen vielleicht am nächsten. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sehr er die Brüder Grimm inspiriert hat. Auch andere Sagen, wie die von der Weißen Frau vom Ahlberg oder die dunklen Erzählungen über den Wolfsgarten machen den Wald zu einem mythologisch angehauchten Ort.
Mehr als ein Jahrhundert lang hat sich der Mensch aus dieser Fläche weitgehend herausgehalten und hat die Natur sich selbst überlassen. Wer nun aber glaubt, er befände sich in einem Wald, in dem die Zeit still steht, der irrt. Sein besonderes Aussehen verdankt der ehemalige „Kuhberg“ nämlich den Schweinen und anderen Haustieren, die zu Zeiten der Hutewälder in den Wald getrieben wurden, um sich an Eicheln fett fressen zu können. Entsprechend licht, mit einer Anzahl an Huteeichen, die auch heute noch zum Teil zu bewundern sind, war der Wald. Seit kein Vieh mehr die jungen Bäume kurz hielt und niemand mehr der Schweinemast wegen die Eiche bevorzugte, legte der Wald so richtig los. Im Kampf um Licht und Wasser setzte sich die Buche durch. Unerbittlich nutzt sie ihre schärfste Waffe, nämlich die Eigenschaft mehr als jede andere Laubbaumart Schatten zu ertragen und erobert Quadratmeter für Quadratmeter. Der ehemals lichte Hutewald wächst zu. Mit Ausnahme der ganz nassen Partien dominiert inzwischen der Hainsimsen-Buchenwald.
Da kein Vieh mehr die jungen Bäume kurz hielt, niemand mehr wegen der Schweinemast die Eiche bevorzugte, legte der Wald so richtig los. Im Kampf Baum gegen Baum um Licht und Wasser behielt eine Baumart die Oberhand: die Buche. Unerbittlich nutzt sie ihre schärfste Waffe, nämlich die Eigenschaft mehr als jede andere Laubbaumart Schatten zu ertragen und erobert Quadratmeter für Quadratmeter. Der ehemals lichte Hutewald wächst zu. Mit Ausnahme der ganz nassen Partien dominiert inzwischen der Hainsimsen-Buchenwald.
Es ist paradox: Würden nicht die zuständigen Behörden das Wuchern nicht im Auge behalten, würde der Wald schon längst nicht mehr das zeitlose Stillstehen vermitteln. Der Reinhardswald, in dem sich der vielleicht älteste Baumbestand Deutschland befindet, muss seine wild-romantisch anmutende Note pflegen, sie der unerbittlichen Natur abringen. Und sie mit der ständig steigenden Zahl der Besucher in Einklang bringen, denn die Popularität des „Urwaldes“ nimmt zu, die Zahl der Besucher wächst. Weil der Wald mit der Bodenregeneration nicht mehr hinterherkam, wurden 1992 Bohlenpfade angelegt. Die sumpfigen Partien konnten sich regenerieren, Kinderwagenschiebern und Rollstuhlfahrern wurde der Weg bereitet.
Der Reinhardswald ist keinesfalls ein Überbleibsel uralter und dichter Laubwälder aus der Zeit der Germanen, sondern ebenso wie jeder andere Wald in diesem Land vom Menschen kultiviert. Dennoch ist das, was hier als Urwald bezeichnet wird, Teil eines sehr alten Mischwaldes, der überwiegend von Buchen und Eichen bewachsen ist. Noch immer vermittelt er ein Gefühl davon, wie unsere Wälder einst aussahen. Und er ist ein Ort, an dem man wunderbar träumen kann – trotz dieser gewissen Hybris. Sei’s drum: Die Vorstellung, dass die Natur uns wieder ganz macht, funktioniert ja meist auch nur für den kurzen Moment unserer Abkehr vom hektischen Alltag. Und natürlich in unserer Erinnerung.