Ratte quer

Iiiih – Ratten!

Wissenswertes über Hamelns bekanntestes Sagen-Tier

Von Dorothee Balzereit

Iiiiiiihh! Eine Ratte! Die Reaktion auf das fellige Nagetier mit dem langen nackten Schwanz ist hinlänglich bekannt. Auch wenn es inzwischen viele Leute gibt, die die Ratte als Haustier schätzen. In manchen Teilen der Welt genießt sie sogar einen ausnehmend guten Ruf. Doch hierzulande ist der Ekel meist groß.

Doch woher kommt diese Abscheu? Professor Dr. Erik Schmolz, Fachgebietsleiter des Umweltbundesamtes, und zuständig für Gesundheitsschädlinge und ihre Bekämpfung, glaubt an instinktiven Ekel: „Ratten übertragen Krankheiten und leben an Orten mit unhygienischen Bedingungen, wie in der Kanalisation oder in Ställen.“ Forscherin Valerie Curtis geht noch einen Schritt weiter. Sie glaubt, der Ekel steckt in unseren Genen. Der Ekel bewahre uns davor, mit Keimen in Kontakt zu kommen. Im Fall der Ratte ist das besonders sinnvoll: Als Trägerin von Flöhen, Läusen und anderen Parasiten gilt sie als Überträgerin von etwa drei Dutzend schweren Krankheiten, darunter die Pest –  die Jahrtausendseuche des Mittelalters. Schon damals wussten die Menschen: Wenn die erste tote Ratte gefunden wird, ist die Pest ist in der Stadt. Denn Ratten sind dort, wo Menschen sind. Besonders in der Stadt bietet Ratten paradiesische Lebensräume, denn sie ernährt sich von dem, was der Mensch wegwirft. Hier ist man nie weiter als sieben Meter von einer Ratte entfernt, schätzen Wissenschaftler.  

Gesehen wird sie von Menschen allerdings nur selten: In der Regel führt die Ratte ein Schattendasein. Wenn doch, dann lösen sie beim Menschen instinktive Furcht- und Fluchtreaktionen aus – wie bei allen Tieren, die in der Dunkelheit schwer erkennbar und kaum greifbar über den Boden huschen. Kein Wunder also, dass die Ratte eine so gute Projektionsfläche für Unbewusstes, Verdrängtes und Ängste ist. In Europa ist das negativ besetzte Symboltier zudem im Bunde mit Zwergen, Kobolden, Hexen und Teufeln. Ganz abgesehen davon, dass sie mit ihrem immensen Fresstrieb viel Schaden anrichten. In Brehms Thierleben werden Ratten gar als „abscheuliche Thiere“ beschrieben, die immer frecher werden, wenn sie merken, dass Mensch ihnen gegenüber ohnmächtig ist. Ein Phänomen mit besonders hohem Ekelfaktor sind die sogenannten Rattenkönige, die aus an den Schwänzen verknoteten oder verklebten Ratten bestehen. Die Ursache für die Verwachsung soll in zu engen Bauten liegen, in denen vor allem Jungtiere zu eng beieinander liegen und so die Verklebung und gegenseitige Verletzung stattfinden konnte. Viele Rattenkönige sollen lebendig gefunden worden sein. Diese Entstehungsgeschichte der Rattenkönige steht jedoch unter anderem im Widerspruch zum bekannt ausgeprägten Komfortverhalten von Ratten. Wissenschaftliche Untersuchungen, welche die natürliche Entstehung der Funde zweifelsfrei nachweisen, gibt es nicht. Nach Meinung englischer und französischer Quellen handelt es sich beim Rattenkönig um einen alten Mythos des deutschen Sprachraums, der aus zufälligen Funden von im Spiel an den Schwänzen verknoteten Ratten entstanden ist. Die meisten Funde werden dort als Manipulation und Mumifizierung skeptisch betrachtet. In historischer Zeit galt der Rattenkönig als extrem böses Omen und verkündete etwa den Ausbruch einer Krankheitsepidemie. Meistens traf ein solches Ereignis auch ein, da Rattenkönige öfter dann auftreten, wenn zu viele Ratten existieren und entsprechend wenig Platz für neue Bauten ist.

Erik Schmolz sind Ratten zunächst einmal Tiere. Charakteristisch für die Nager sei vor allem eine Eigenschaft: „Ratten sind vor allen Dingen sehr, sehr vorsichtig. Sie sind nicht intelligenter als andere Säugetiere gleicher Größe, meiden sie aber alles, was sie nicht kennen.“ Das macht sie überlegen. Nicht zuletzt heißt es deslab auch: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. In Asien genießt die Ratte sogar einen ausnehmend guten Ruf. Im chinesischen Tierkreiszeichen steht sie für Intelligenz, Unabhängigkeit und Zielstrebigkeit und bei den Hindus reitet die Gottheit Ganesha auf einer starken, intelligenten Ratte. Eine japanische Studie zeigt unlängst sogar, dass Ratten sozialer und hilfsbereiter sind, als bislang angenommen. Wissenschaftler von der japanischen Kwansei Gakuin University fanden heraus, dass Ratten sich gegenseitig das Leben retten. Und dafür sogar auf Futter verzichten.

Aber mal ganz abgesehen davon, ob Ratten nun eklig, niedlich, gut oder böse sind: Würden die Tiere eigentlich der Flöte eines Rattenfängers folgen und im Fluss ersaufen, wie in der Sage beschrieben? „Ratten können gut und relativ ausdauernd schwimmen. Sie gelangen auf diese Weise auch auf Schiffe oder können sich zwischen zwei benachbarten Inseln fortbewegen. Das beschriebene Szenario ist also ziemlich unwahrscheinlich, es sei denn die Strömung wäre sehr stark und/oder die Wassertemperatur sehr niedrig“, sagt Rattenexperte Schmolz. Einer Flöte zu folgen, so wie Hunde einer Pfeife, käme Ratten ebenfalls definitiv nicht in den Sinn.