• Rattenfänger Manthey
  • Rattenfänger Manthey 2

War der Rattenfänger ein Lokator?

Von der Theorie, dass die Hamelner Kinder mit einem Werber nach Osten zogen

Von Dorothee Balzereit

Waren die 130 verschwundenen Kinder aus Hameln Siedler, die mit einem Lokator ("Platzmacher"), damals eine Art Siedluingsanwerber, gen Osten zogen? Wir haben versucht, uns in die Situation der Menschen damals hineinzuversetzen.

Mit seinen 30 Jahren ist Graf Nikolaus von Spiegelberg ein gestandener, gut aussehender Mann. Nicht so sehr im landläufigen Sinne, vielmehr ist es der Zug von Abenteuer im Blick, den vor allem Frauen mögen. Eine Eigenschaft, die ihm bei seinem Job als Lokator durchaus nützlich ist. Von Spiegelberg liebt seinen Job. Anders, als der tief im Weserbergland verwurzelte Rest seiner Familie (bis auf Bernhard von Spiegelberg der bereits 1229 ins Mecklenburgische gegangen war), pendelt der Adlige zwischen seiner alten Heimat und Pommern, im Schlepptau deutsche Siedler. Der Grund, weshalb ihm viele folgen, ist simpel: Aufgrund des Erbrechts werden die landwirtschaftlichen Flächen zu Hause immer kleiner. Die Abgaben an die Grundherren aber bleiben gleich. Im Osten dagegen gibt es große Ackerflächen. Neben allerlei Vergünstigungen und der Zusicherung, nicht in den Krieg ziehen zu müssen, lockt viele Neusiedler die persönliche Freiheit. Wenn er in diesem Juni des Jahres 1284 Hameln verlässt, wird auch eine hübsche junge Frau ihn begleiten, die in der Heimatstadt bestimmt kein schlechtes Leben hätte: Die Tochter des Bürgermeisters. Warum auch sie ihm folgt – nun ja. So, wie weitere 129 Jungbürger hat auch sie Spiegelbergs Lokator-Vertrag unterschrieben, morgen Früh um sieben würde sich der Zug auf nach Osten begeben.

Rattenfaengerspiel


 Natürlich ist diese Geschichte ausgedacht, doch sie hangelt sich an historischen Fakten entlang. Das 13. Jahrhundert gilt als die Blütezeit der Lokatoren, und Graf Nikolaus von Spiegelberg soll einer von ihnen gewesen sein. Und es gibt Hinweise, dass der Auszug einer ganzen Generation in dieser Zeit wirklich stattgefunden hat.
 Zehntausende sind im 13. Jahrhundert Richtung Osten ausgewandert, sagt Dr. Jürgen Udolph, er leitet in Leipzig das Institut für Namensforschung. 200 000 seien allein in Sachsen gelandet. „Sie wurden von Lokatoren angeworben und die mussten sich bekannt machen, sagt Udolph. Und weil es weder Fernsehen, Internet oder Whats App gab, gingen die Lokatoren auf den Marktplatz. Mit einem Trommler oder Flötenspieler im Schlepptau versprach er den Menschen: „Auf euch wartet im Osten ein besseres Leben“.
 Auf der Landkarte hat Udolph für diese These Indizien gefunden, denn wie man weiß, nehmen Auswanderer die Namen ihrer Heimatorte mit. So wie es Berlin und Hamburg 50 bis 60 Mal in Amerika gibt, oder Heidelberg in Südafrika – so gibt es auch Hamelspringe ein zweites Mal: Hammelspring heißt ein Ort nördlich von Berlin. Ortsnamen, die Siedler aus dem Weserbergland mitgenommen haben, finden sich ein Dutzend mal, erklärt Udolph.
 Auswanderungsthesen vertraten auch der Archivar Wolfgang Wann und der Historiker Heinrich Spanuth – schon 1949 beziehungsweise 1951. Gehandelt wurden hier Siebenbürgen (Rumänien), Mähren, Böhmen (Tschechien) oder Pommern (Polen) als mögliche Ziele der Hamelner.
 Dass es der Graf Nikolaus von Spiegelberg aus Coppenbrügge die Hamelner nach Pommern lockte, vermutete Heimatforscher Hans Dobbertin in einer Dewezet-Sonderausgabe zu 675 Jahren Rattenfängersage. Die Auswanderer dem Weserbergland seine jedoch samt ihrem „Rattenfänger“ bei einem Schiffsunglück auf der Ostsee in der Nähe des Ortes Kopahn ums Leben gekommen, vermutet Dobbertin. nachweisen konnte er seine These nicht. Allerdings hätte sie eine gute Erklärung für Trauer und Schmerz der Zurückgebliebenen geliefert. Sie gingen also „bi den Koppen verloren“, wie es in der Inschrift am Rattenfängerhaus heißt.
 Auch bei den Brüdern Grimm gibt es einen Hinweis auf Auswanderung: „Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen“, heißt es in der Grimm-Sage.