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Einmal getauft, für immer getauft

Tatsächlich hat sich die ursprüngliche Bedeutung der Zeremonie in den ersten Jahrhunderten nach Christus gewandelt

Von Cornelia Kurth

Das große Tauffest in Rinteln direkt an der Weser hat inzwischen Tradition. Babys und Kinder werden damit in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen. War es eigentlich schon immer so, dass unmündige Kinder getauft wurden, ob sie wollten oder nicht? Und was genau bedeutet es eigentlich, getauft zu werden?

Wenn ein Kind in der Kirche getauft wird, dann geschieht das normalerweise mit Wasser aus der Wasserleitung. Am 14. August aber, beim Rintelner Tauffest auf der Wiese an der Weser, da werden die Täuflinge mit Flusswasser getauft. Wer allerdings erwartet, Pastor und Eltern würden malerisch mitten in der Weser stehen und die Babys und Kinder untertauchen, der hat ein falsches Bild von der Taufe, wie sie die beteiligten evangelischen Kirchen durchführen.

Als die ersten Christen im Jordan getauft wurden, sanken sie damit quasi ins „Wassergrab“, um als neue Menschen daraus aufzuerstehen. Der „alte Adam“, dieser Sünder, wurde ersäuft, um in der Taufe einen neuen Bund mit Gott zu schließen. Diese Symbolik des Reinwaschens von der Sünde, verbunden mit einem Glaubensbekenntnis der Umkehr, sie passt nicht so recht zur Taufe von kleinen Kindern. Und überhaupt: Ein Untertauchen im vielleicht nicht ganz sauberen Fluss? Das Weserwasser, welches man in mobile Taufbecken füllt, es wird gefiltert, bevor es auf die Köpfe der kleinen Täuflinge tröpfelt. Sicher ist sicher.

Tatsächlich hat sich die ursprüngliche Bedeutung der Taufe in den ersten Jahrhunderten nach Christus gewandelt. Zu Beginn war das Christentum nur eine kleine jüdische Sekte. Das Judentum hoffte zwar auf einen Messias, der da kommen soll, um die Welt zu erlösen. Doch in seiner langen Geschichte bis zur Ankunft von Jesus Christus, hatte es unzählige Menschen gegeben, die von sich glaubten, dieser Messias zu sein. Warum sollte ausgerechnet ein Zimmermanssohn aus Nazareth der versprochene Erlöser sein, er, der von den Römern als Aufrührer verhaftet und gekreuzigt worden war. Er hatte doch offensichtlich verloren. Nur wenige glaubten daran, dass dieser Jesus als Gottes Sohn wieder auferstanden sei. Und eben diese ließen sich in einem durchaus eindrucksvollen Akt taufen: Ihr altes Leben ging unter und im neuen Leben erstanden sie auf.

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Konsequenterweise erzählt die Bibel nirgends davon, dass unmündige Kinder getauft wurden oder getauft werden sollen. Sich taufen zu lassen, kam einem Glaubensbekenntnis gleich und war angesichts der späteren Christenverfolgung unter den Römern oft genug eine todesmutige Tat. In dieser Zeit bedeutete die Taufe immer beides: Einerseits Teilhabe an Gottes Geist und damit verbunden die Chance, dem menschlichen Sündertum zu entkommen, und andererseits das Versprechen, ein Leben nach den Geboten von Jesus Christus zu führen, ihn als Messias anzuerkennen und ihm nachzufolgen. Deshalb das Untertauchen in Flüssen und Seen, ein öffentliches Geschehen vor vielen Zuschauern und Beteiligten, eine entscheidende Zäsur im Leben.

Vielleicht hat dieses Taufritual dazu beigetragen, dass das Christentum sich im Römischen reich so rasant verbreitete. Bereits im Jahr 380 wurde es zur Staatsreligion erklärt, und wo vorher die Christen verfolgt wurden, war es nun der „heidnische“ Glaube, der verboten wurde. Spätestens ab dem 5. Jahrhundert war es überall üblich, dass bereits die Babys in den christlichen Familien getauft wurden, und diese kleinen Wesen tauchte man natürlich nicht irgendwo draußen in der Natur bei Wind und Wetter unter, sondern man besprenkelte sie mit gesegnetem Wasser. Da Babys keine Versprechen abgeben und nichts bekennen können, wurden Eltern und Paten in die Pflicht genommen. Sie legen bei der Kindestaufe auch heute noch das Gelöbnis ab, ihr Kind im christlichen Sinne zu erziehen.

„Dass die Taufe zunächst eine Erwachsenentaufe war, leuchtet ja ein“, sagt Pastor Dr. Dirk Gniesmer vom Johannis-Kirchzentrum in Rinteln, dessen Gemeinde sich am kommenden Tauffest an der Weser beteiligt. „Die Gemeinden waren ja erst am Entstehen, die Taufe galt auch als ein Zeichen des Aufbruchs.“ Mit der Etablierung des Christentums tauchten, so sagt er, andere Fragen auf, solche zum Beispiel, wie man den Zusammenhalt festigen kann. Die Taufe galt nun als „Heilsversprechen“ Gottes, als ein Segen, den man sich nicht erst verdienen muss, als Schutz gegen die Verführungen des Teufels. „Und sicherlich sah die Kirche in der Kindertaufe auch eine Möglichkeit, die Menschen so früh wie möglich an sich zu binden“, so Dirk Gniesmer.

Er kann durchaus verstehen, dass manche christliche Freikirchen darauf bestehen, dass Menschen nicht als unmündige Kinder, sondern als selbstbewusste Erwachsene getauft werden sollten. „Die Einführung der Kindertaufe hatte auch etwas mit der Glaubensvorstellung zu tun, dass der Mensch bereits im Zustand der Sünde geboren wird“, erklärt Gniesmer. Diese „Erbsünde“ wird bei der Taufe getilgt oder zumindest gewissermaßen neutralisiert, sodass der Teufel – in der katholischen Kirche eine reale machtvolle Persönlichkeit – nicht auf das Baby zugreifen kann. So stark war diese Vorstellung im Mittelalter, dass todkranke Babys eine Nottaufe erhielten, und Wöchnerinnen das Haus erst dann wieder verließen, um ihr Kind in der Kirche zu taufen lassen, immer voller Angst, der Teufel könne schneller sein.

Der Pastor Jochen Herrmann leitet die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Hameln, eine Gemeinde der Baptisten, der „Täufer“ also, zu deren Grundsätzen die Erwachsenentaufe gehört. „Die kleinen Kinder werden bei uns in einer Feier gesegnet“, sagt er. „Doch was die eigentliche Taufe betrifft, da folgen wir sehr genau dem Neuen Testament. Wir sehen die Taufe als ein geistliches Geschehen, das frei von jeder Art von Zwang vor sich gehen soll. Nicht die Eltern legen die Glaubenszugehörigkeit ihres Kindes fest und binden es, ohne dass es zustimmen kann, sondern jeder Mensch geht das gegenseitige Bündnis mit Gott auf selbstbestimmte Weise ein.“

Die ersten Täufer bezahlten teuer für ihre Auffassung von der Taufe. Die katholische Kirche wollte den Verzicht auf die Kindertaufe nicht dulden, ebenso wenig die Protestanten, die sich doch in vielerlei anderer Beziehung von katholischen Auffassungen distanziert hatten. Für Martin Luther waren die „Wiedertäufer“ den Einflüsterungen des Teufels erlegen, der sie erstens aufmüpfig machte gegen Gebote der (Kirchen)-Obrigkeit und zweitens nichts anderes im Sinn hatte, als dafür zu sorgen, dass Menschen am Ende gar nicht getauft wurden und damit der Hölle anheimfielen. Den „Täufern“, die ihre Kinder nicht spätestens acht Tage nach der Geburt getauft hatten, drohte Landesverweis oder gar die Todesstrafe.

Heute kommen Baptisten und Lutheraner ganz gut miteinander aus, auch dann, wenn sich ein bereits als Baby getaufter Mensch ein zweites Mal taufen lässt. In früheren Zeiten aber galt es als Sakrileg, mit der zweiten, der Erwachsenentaufe die Kindertaufe praktisch für ungültig zu erklären. „Was uns Baptisten betrifft, so ist die Taufe weniger wichtig, als es unser Name vermuten lässt“, sagt Jochen Herrmann. „Auch jemand, der nicht als Erwachsener, sondern als Kind getauft wurde, kann zu unserer Gemeinde gehören. Was zählt, ist der gelebte Glaube.“ Bei den Tauffesten an der Weser war die Baptistische Gemeinde der Christuskirche bisher immer dabei. Nur in diesem Jahr fand sie zufällig niemanden, der sich anlässlich dieses Fes-tes taufen lassen wollte.

Entgegen all den früheren harten Auseinandersetzungen über die eigentliche Bedeutung der Taufe, wird das Fest an der Weser unbefangen fröhlich vor sich gehen. Die Kirchengemeinden von St. Nikolai, dem Johannis-Kirchzentrum und der reformierten Johannis-Kirche laden die beteiligten Familien und deren Freunde zum Gottesdienst unter freiem Himmel mit anschließendem Grillfest. Die katholische St.-Sturmius-Kirche hat sich zwar gegen eine direkte Teilnahme entschieden, stellt dafür aber ihr Gemeindehaus für die Vorbereitungen zur Verfügung. „Die Taufe ist, so sehen es wir Reformierten, ein Symbol dafür, Gottes Gnade anzunehmen“, sagt die reformierte Theologin Barbara Schenck. „Ein Kind zu taufen bedeutet: Es liegt sowieso nicht alles in unserer Hand.“

Wer sich entschließen will, an diesem Tauffest teilzunehmen, kann sich dafür noch in den drei Gemeinden anmelden. Babys sind ebenso willkommen wie auch schon ältere Kinder. Die eigentliche Bestätigung des persönlichen Glaubens erfolgt dann mit der Konfirmation. Wie auch immer sich dann die jungen Menschen zum Glauben stellen werden, in den Augen der Kirche bleiben sie für immer getauft.

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