• Johanniskraut ey
  • Wegwarte ey

Von Hexensalben und Narkotika

Die Macht der Kräuterweiblein

Von Viktor Meissner

Natürlich ging das einfache Volk bei Beschwerden aller Art nicht zu den studierten Ärzten, die konnte es sich gar nicht leisten. Hatte doch fast jedes Dorf, jede Stadt eine heilkundige Person mit pharmazeutischen Grundkenntnissen, bei der man auch allerlei Amulette und Zauber bestellen konnte.

Der obersten Autorität im Staat, der Kirche, waren diese Personen, meist Frauen, aus mehreren Gründen höchst suspekt: Sie kannten zwar viele Heilkräuter, aber auch solche, die „doll“ machen oder sogar töten konnten. Sie lebten abgeschieden außerhalb der Gemeinschaft, keiner wusste genau, was sie eigentlich trieben, und das war sehr verdächtig. Bisweilen traf man sie Kräuter sammelnd zu „unmöglichen Zeiten“ im Wald oder auf freiem Feld, und zu allem Überfluss hielten sie sich in ihrer Einsamkeit auch noch Tiere, etwa einen zahmen Raben, eine (schwarze) Katze oder eine Ziege – ausgerechnet Ziegen, die Verkörperung des Bösen. Das einfache Volk brauchte diese „Kräuterweiblein“ zwar für die alltäglichen Beschwerden – körperlichen wie geistigen –, allen aber waren sie nicht geheuer... und dann auch noch die unheimlichen Geschichten um das Fest der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg, zu dem sie auf allen möglichen und unmöglichen Gegenständen, Besen, Heugabeln oder auf Tieren durch die Luft anreisen sollten. Wie konnte es sein, dass ein Mensch durch die Luft fliegt? Da konnte nur der Böse mit im Spiel sein. Die Sache mit der berühmt-berüchtigten Flugsalbe und das Fest in der Walpurgisnacht haben von jeher die Gedanken der Menschen beschäftigt.

Löwenzahn

Johannes Hartlieb (um 1400–1468), ein Arzt des Spätmittelalters, hat als erster ein Rezept für die Zubereitung einer „Hexensalbe“ aufgezeichnet. In seinem zwischen 1435 und 1450 entstandenen Kräuterbuch behandelt er neben verschiedenen Tieren auch Pflanzen und deren Wirkungen und erwähnt dabei magische bzw. verbotene Verwendungen: „Sie wird aus sieben Kräutern hergestellt. Dabei wird jedes einzelne Kraut an dem ihm zugeordneten Tag gepflückt:
-  am Sonntag „Solsequium“ (Sonne) – Löwenzahn, Ringelblume, Wegwarte, Johanniskraut,
-  am Montag „Lunaha“ (Mond) – stumpfes und spitzes Silberblatt, Königsfarn, Mondraute,
- am Dienstag „Verbena“ Eisenkraut,
- am Mittwoch „Mercurialis“ (Merkur) – Schutt- und Wald-Bingelkraut,
- am Donnerstag „Barba Jovis“ (Bart Jupiters) – Donnerkraut, Dachhauswurz, große Fetthenne,
- am Freitag „Capillus Veneris“ (Venushaar) – Frauenhaarfarn.
Daraus stellen sie dann unter Beimischung von Vogelblut und Tierschmalz Salben her. Wenn ihnen dann danach ist, bestreichen sie Bänke oder Stühle, Rechen oder Ofengabeln und fahren darauf von hinnen.“
Bleibt anzumerken, dass sich in dieser Rezeptur keine pflanzlichen Halluzinogene befinden.

Ringelblume

Wie kann aber eine Person allen Ernstes behaupten, auch ohne unter der Folter zu stehen, sie sei geflogen?
Wie bereits erwähnt, hatten viele der sogenannten Hexen und Kräuterweiblein erstaunliche Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturheilkunde und kannten sich mit der Wirkung der meisten einheimischen Pflanzenextrakte aus. Sie wussten auch mit Sicherheit, welche Pflanzen der heimischen Flora Halluzinationen hervorriefen und wendeten die daraus gewonnenen Extrakte entsprechend an. Bereits der aufgeklärte Gelehrte Johann Weyer (lat.: Wierus, 1516–1588) legt diese Vermutung in seinem Werk „De praestigiis daemonum“ (Von den Blendwerken der Dämonen) nahe. Auch viele zeitgenössische Protokolle beweisen die offenbare Anwendung von Halluzinogenen.

Im „Formicarius“ (Der Ameisenstaat) von Johannes Nider (vor 1385–1438) wird von einer alten Frau erzählt, die behauptete, an einer Hexenfahrt teilgenommen zu haben. „In Gegenwart eines Dominikaner-Mönches setzte sie sich in eine Brotmulde, salbte sich unter Beschwörungen ein und verfiel in tiefen Schlaf. „Sie hatte nun Gesichte von der Frau Venus und damit Zusammenhängendem in solcher Stärke, dass sie mit gedämpfter Stimme zu jubeln anfing; so zwar, dass unter den heftigen Bewegungen, die sie mit den Händen machte, die Mulde lange hin und her schwankte und endlich von der Bank herabstürzend die Alte am Haupt nicht wenig verletzte. Als sie endlich erwachte, gelang es dem Geistlichen, ihr den Wahn allmählich auszureden.“ (Aus: Handlexikon der magischen Künste, Graz 1986.)
Einen ähnlich gelagerten Fall gibt Fritz Byloff 1902 nach einer Geschichte in der „Criminalgesetzgebung der Steyermark, Graz 1817“ wieder:

„Die angebliche Hexe, ein junges hübsches rothaariges Mädchen, fällt über die ihr versuchsweise gegebene Hexensalbe mit Begierde her, schmiert sich eilfertig an allen heimlichen Orten, dreht sich mit wütenden Gebärden eine Zeit lang im Kreise herum und fällt endlich unter konvulsivischen Zuckungen zu Boden. Nach einem halbstündigen Hinstarren erwacht sie ermattet und abgespannt und behauptet, dass sie soeben am Scheckelberge auf der Hexengesellschaft gewesen sei.“
Der Hinweis darauf, dass sich die angebliche Hexe „eilfertig“ damit schmierte, lässt bereits auf eine gewisse Sucht schließen und zeigt damit Gemeinsamkeiten zu denen heutiger Rauschgiftsüchtiger.
Was nun die von allen „Hexen“ stets annähernd gleich geschilderten gemeinsamen Orgien auf dem Blocksberg angeht, drängt sich einem der Gedanke an eine mögliche Massenpsychose auf und damit Parallelen zur sogenannten „Manson-Family“, die 1969 mehrere Morde beging und von dem äußerst autoritären Oberhaupt Charles Manson durch „Drogen und Sex“ gesteuert wurde.

Auch das Sektendrama der „Davidianer“ unter ihrem Anführer David Koresh (eigentlich: Vernon Howell) 1993 in Waco/ Texas zeigt Parallelen, als sich die schwerbewaffneten Sektenmitglieder, darunter viele Frauen und Kinder, mit der Polizei ein mehrstündiges Feuergefecht lieferten, nachdem sie zuvor 51 Tage den Sicherheitskräften getrotzt hatten. Am Ende zündeten die Mitglieder ihre eigenen Häuser an, wobei viele bewusst den Flammentod suchten oder sich selbst erschossen. Auch diese Mitglieder wurden durch Drogen und Sex gesteuert. Solche unheilvollen Konstellationen gibt es immer wieder. In den noch erhaltenen Exemplaren der „Hexenbücher“ wird die Zusammensetzung auf verschiedene Weise beschrieben, immer sind aber narkotische Pflanzen Bestandteil: Schierling, Alraune, Taumellolch, Tollkirsche, Herbstzeitlose, Mutterkorn, Fliegenpilz, Bilsenkraut, Eisenhut, Nachtschatten, bisweilen auch Schlafmohn … die Liste ist lang. Natürlich durften auch solche Ingredienzien nicht fehlen: Öl und Blut von Fledermäusen, Menschenschmalz, Krötenhirn und anderes fantastisches Zeug. Offenbar ist die Hexensalbe eine Mischung psychotroper Inhaltsstoffe, die, durch die Haut aufgenommen, in den Blutkreislauf diffundiert und dann ihre Wirkung erzielen. Derartige Kombinationen von Pflanzendrogen sind auch heute noch überall auf der Welt im parareligiösen Bereich in Gebrauch und spielen eine große Rolle.

Im Internet findet man Rezepte solcher psychotropen Mischungen, angeblich aus alten Büchern. Vor dem Selbstversuch sei aber dringend gewarnt! Die Menge der einzelnen Komponenten liegt gefährlich nahe an der letalen Dosis – bisweilen sogar darüber. Nicht abzuschätzen ist auch die jeweilige Konzentration der Wirkstoffe in der Pflanze selbst, die je nach Jahreszeit verschieden stark schwankt. So kann es durchaus passieren, dass man durch Überdosierung schnell seinen „letzten Flug ohne Wiederkehr“ antritt. Sicherlich gab es in diesem Metier auch „schwarze Schafe“, die sich den Aberglauben des Volkes zunutze machten, nur um ihre eigene Tasche zu füllen. Hier mischten vor allem die Henker kräftig mit, saßen sie doch sozusagen an der „Quelle“. Besonders bei Dieben beliebt waren die abgeschnittenen kleinen Finger der Erhängten. Man glaubte, damit jedes Schloss öffnen zu können. Das hervorsprudelnde Blut aus den Hälsen der Enthaupteten galt, möglichst noch warm getrunken, als Allheilmittel gegen viele Krankheiten, namentlich der Fallsucht (Epilepsie = morbus sacer). Spieler, die einen Diebsdaumen in der Tasche trugen, verspielten nie. Dazu äußerte sich ein aufgeklärter Scharfrichter: „Mein Rat wäre dieser, willst du nicht verspielen, so spiele nicht.“ (Glenzdorf/Treichel, Henker) Während das Gehirn eines Gerichteten gegen Tollwut half, diente seine Schambehaarung als gutes Mittel für eine ersehnte Schwangerschaft. Medizin und Aberglaube lagen oft auf einer Linie. Wie verknüpft der christliche Glaube mit abergläubischen Vorstellungen war, soll ein Beispiel erläutern (hochdeutsche Wiedergabe): „Ein Mittel gegen die Verwundung durch Hauen, Stechen, Schießen – Zuerst suche einen Hirnschädel von einem Gehenkten oder Geräderten, worauf Moos wächst. Und wenn du den gefunden hast, merke den Ort und lass ihn liegen. Am andern Tag gehe wieder hin zu dem Ort und lege den Schädel so, dass du Moos davon nehmen kannst. Dann gehe am Freitag vor Sonnenaufgang hin, wo der Schädel mit dem Moos liegt und sprich folgende Worte: Ich … bitte heute zu dieser Frist, Dich meinen Herrn Jesum Christ, der reinen Magd Maria Sohn und Du wollest mir beistehn bei diesem Plan und mir helfen zu binden alle meine Feinde Hände und wollest mir helfen zu zerreißen ihren Stahl und all ihr Eisen – Jesu Maria Sohn, hilf mir bei diesem Plan. Im Namen des Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.

Danach schabe das Moos herab und binde es in ein Tüchlein und lass es in dein Wams einnähen unter dem linken Arm aber so, dass du nicht weißt, wo es hingekommen ist. Trag es also bei dir, so kann man dich weder mit schießen, hauen oder stechen verwunden.“ (Aus: New reformierter Heldenschatz, o.0. 1623.)
Ob so was hilft? – man sollte es besser nicht ausprobieren.

 

Fotos: Jens Meyer/Dana Pollock