Madonna Lourdes

Wunder gibt es immer wieder

Unerklärliches ist elementarer Bestandteil unseres Lebens

Man schreibt das Jahr 1500. Immer mehr Pilger drängen zum wundertätigen Bildstock oberhalb Münders an der Straße nach Springe. Opfergaben werden niedergelegt. Jahre später notiert der Stadtschreiber: „Der Priester aber (…) hat die Opfer, so täglich angefallen, fleißig aufgehoben und an demselben Orte eine schöne Kirche angefangen zu bauen. Zu Ehren der heiligen Anna, wozu ihm die Leute aus Münder und die Benachbarten gerne mit Andacht geholfen haben.“ 1506 ist die vorreformatorische Wallfahrtskirche fertig. Am 26. Juli findet die erste Wallfahrt statt. Heute liegt nur noch der Grundriss der „St. Annen-Kapelle“ als Bodendenkmal wenige Zentimeter unter der Oberfläche eines Ackers.



Von Ernst August Wolf

Ob Münder oder Lourdes, gesteigerte Religiosität, Volks- und Wunderglaube haben sich zu allen Zeiten als starke Kraft erwiesen, haben vor allem Eingang in märchenartige Erzählungen gefunden. Übernatürliches erfährt in ihnen eine Verstärkung, sodass die auftretenden wundersamen Phänomene von den Figuren als völlig selbstverständlich hingenommen und nicht hinterfragt werden. Naturgesetze werden überwunden oder gänzlich aufgelöst.
Das mittelhochdeutsche Wort „maere“ heißt soviel wie „Wundernachricht“. Eine Erscheinung, die als übernatürlich aufgefasst wird, das menschliche Begriffsvermögen überschreitet.
Auf derlei übernatürlichen Zauber treffen wir weltweit in vielen Märchen. Nicht nur in denen der Grimms. Die Zahl der Gegenstände, die Wunderbares ermöglichen, ist Legion: das „Tischlein-deck-dich“ und der „Knüppel-aus-dem-Sack“, nie versiegende Geldbeutel und Kochtöpfe, heilenden Wasser, die Blinde sehen machen, und Stiefel, die ihren Träger wie Supermann im Eiltempo von Ort zu Ort bringen.
Alle das wird eingesetzt im Kampf für das Gute, für barmherzige Hilfe, gegen die ebenfalls mit einer Vielzahl von wunderbaren Werkzeugen ausgestatteten Vertreter des Bösen. Das reicht von den Grimmschen Märchenfiguren über den Drachentöter Siegfried bis hin zu Star Wars-Schurken und Haryy Potter Zaubereien.
Wundermärchen, Zaubermärchen? Alles ein- und dasselbe?
Der Märchenforscher, Komponist und Lyriker Heinz Albert Heindrichs vertritt eine weiter gefasste Definition. Zwar bleibe die Fähigkeit der Märchenfiguren zu zaubern im Kern bestehen, doch ereigne sich im „Wundermärchen“ zudem Übernatürliches, das den Figuren Wunderbares widerfahren lasse. „Wundermärchen“, eine Tautologie also, da bei einem Märchen schon immer die Existenz eines Wunders vorausgesetzt werde.
Die Handlungen jedenfalls sind allesamt ähnlich. Nach dem russischen Märchenforscher Wladimir Jakowlewitsch Popp folgen „Zauber- und Wundermärchen“ einem „elastischen Handlungsschema“. Am Anfang steht dabei immer ein Mangel, ein Schaden, der vorerst unerfüllbare Wunsch, etwas zu können oder zu besitzen. Vielleicht fliegen zu können oder die schöne Königstochter zu heiraten. Doch wie schon in der antiken Mythologie müssen zuerst Kämpfe, Prüfungen und allerlei Widrigkeiten bewältigt werden, müssen Verbote übertreten und Listen ersonnen werden, ehe die siegreiche Rückkehr, der ersehnte Reichtum und Macht, die Heirat der Königstochter samt Thronbesteigung winkt
Immer mit dabei die wundersamen Mächte des Guten und Bösen mit ihrem gottgleichen Wunderzauber.
Die Faszination eines guten Märchens liegt dabei darin, dass Irreales und Wirklichkeit so miteinander so verbunden werden, dass sich niemand über Handlungssprünge und Ungereimtheiten wundert. Was jeder bestätigen kann, der seinen Kindern schon einmal Märchen vorgelesen hat.
Wenngleich es wahre Wunder nur in der Fantasie und im Märchen gibt, so ist auch in der Realität das Verlangen nach Wundern schier unstillbar. Seit Jahrhunderten bis heute ist die zauberhafte Welt der Wunder, die wir in Märchen, Sagen, Mythen und Legenden antreffen bis hin zu modernen Fantasy-Universen ein elementares Grundbedürfnis.
Schnell und gerne identifizieren wir uns mit den die Drachen tötenden, für Gerechtigkeit streitenden Helden, fiebern, zittern und bangen mit, wenn haarsträubende Kämpfe zu bestehen sind, wohl wissend, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird.
Erleben wir dabei erzählte und gelesene Wunder mit unseren Träumen und Sehnsüchten als mit eigenen Bildern und Fantasien befeuertes Kopfkino, so zwingen uns neuere Medien wie DVD, Fernsehen oder Internet Vorstellungen und Gefühle unmittelbar auf, überrollen unsere eigenen Bilder und individuellen Erfahrungen.
Dennoch: Menschen brauchen Märchen und Wunder. Die Gelsenkirchner Märchenforscher Ursula und Heinz-Albert Heindrichs sind überzeugt: „Wenn die Menschen wüssten, dass die Märchen auf der ganzen Welt die gleichen Wurzeln haben, dann gäbe es mehr Frieden.“
Wunder in Märchen sind geistige Medizin, die in der Tat heilen kann. Sie stellen wichtige Charaktereigenschaften dar, die zeigen, wie ein gelingendes Leben möglich ist. Märchenwunder lassen Eigenschaften wie Mut, Mitleid, Bescheidenheit, Achtung, Selbstinitative und Entschlossenheit, aber auch Glaube, Liebe und Hoffnung hervortreten. Sie geben Orientierung in der Auseinandersetzung zwischen Held und Schurke, Gut und Böse, Angst und deren Überwindung, Habgier und Genügsamkeit.
Ja, Wunder können wirklich heilen. Das spürten wohl auch die St. Annen-Pilger von Münder jenseits allen Aberglaubens. Zauber- und Wundermärchen weisen den Weg zum eigenen Selbst, einen Pfad, der die Chance eröffnet, Traumata und seelische Verletzungen zu kurieren, und sie öffnen Wege zu schöpferischer Kraft und einem bislang vielleicht zu selten oder gar nicht gelebtem Leben.
Märchen und ihr Wunderzauber gehören einfach zum Leben dazu. Was wären wir ohne sie?