Sagenbuch quer

"Sage sieht mit anderen Augen"

Wie Erzählungen zwischen Poesie und Geschichte hin und her pendeln

Von Wilhelm Gerntrup

 „Die Sage geht mit andern Schritten und sieht mit andern Augen, als die Geschichte dies thut“, schrieben 1816 die Grimm-Brüder Jakob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) bei der Vorstellung ihres ersten Sammelbandes „Deutsche Sagen“. Sie (die Sagen) beinhalteten einen „gewissen Beigeschmack des Leiblichen, oder, wenn man lieber will, des Menschlichen, wodurch sie so mächtig und ergreifend auf uns wirken“.

Die 1816 zu Papier gebrachten Bemerkungen über Wesen und Besonderheit von Sagen sind, soweit bekannt, der erste, nach wissenschaftlichen Kriterien unternommene Versuch, diese Art von Volkes Kunde literarisch einzuordnen. Zu den charakteristischen „Eigenthümlichkeiten“ der Sage gehöre, dass sie meist „an leibhafte Oerter oder Helden der Geschichte gebunden“ sei. „Es ist eine Überlieferung, die bei ihrer Wanderung von Geschlecht zu Geschlecht durch das dichterische Vermögen des Volksgemüthes umgestaltet wurde.“ Den Unterschied zum Märchen umschrieben die Grimm-Brüder so: „Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer.“
Die beiden wussten, wovon sie sprachen. Von Beginn ihrer Recherchetätigkeit in Sachen Volkskultur hatten sie sich auch mit Sagenkunde beschäftigt. Ihre erste Sammlung enthielt 362, überwiegend volkstümliche Erzählungen; im zwei Jahre später veröffentlichten Band II waren 217 Geschichten abgedruckt, zum größten Teil Heldensagen. Eine ganze Reihe der Grimm-Original-Texte ist von späteren Autoren umgeschrieben, erweitert oder neu gedeutet worden. Ein typisches Beispiel ist das Rattenfänger-Motiv, von dem es zur Zeit der Grimms noch zwei Darstellungen gab („Die Kinder zu Hameln“ und die in Böhmen angesiedelte Geschichte „Der Rattenfänger“).
Die Hinwendung und intensive Beschäftigung der aus dem hessischen Hanau stammenden Brüder mit überlieferter Volkskultur kam nicht von ungefähr. Während des Studiums waren sie zu glühenden Verfechtern der damals äußerst populären, stark patriotisch geprägten und vom Widerstand gegen die napoleonischen Besatzer beflügelten „Romantik“-Bewegung geworden. Zum Selbstverständnis des gebildeten Bürgertums während dieser Epoche gehörte eine geradezu schwärmerische Hinwendung und Rückbesinnung auf urdeutsche Wesensart und vaterländische Kultur. Überlieferte „Volkes Kunde“ mit all ihren Mythen, Sagen, Märchen und Volksliedern erlebte einen heute schwer nachvollziehbaren Boom.
Zu den fleißigsten Autoren und Herausgebern gehörten die Grimm-Brüder. Art und Umfang ihrer Forschungstätigkeit waren breit gestreut. Die größte Popularität erreichten die Märchensammlungen. Die Buchausgaben erzielten Millionenauflagen und wurden in mehr als 160 Sprachen übersetzt. Als bedeutsamste wissenschaftliche Leistung der beiden Literaten bewerten heutige Fachleute deren Arbeit als Sprachforscher. Die Grimms hätten „neue kulturhistorische Gebiete erschlossen“ und als „moderne Traditionalisten“ die Sprache und deren Geschichte, die Mythen, Märchen und Sagen bewahrt“, urteilte der renommierte Literatur-Professor und Grimm-Biograf Steffen Markus vor einigen Jahren.
So viel Wertschätzung wurde dem zeit seines Lebens eng zusammenarbeitenden Bruderpaar nicht immer zuteil. Im wilhelminischen Kaiser-Reich wurde die lange Zeit wissenschaftlich betriebene Volkskunde mehr und mehr zum Tummelplatz von Heimattümelei, Germanenkult und rechtspopulistischer Gesinnung. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung 1933. Die NS-Ideologen machten sich von Anfang an auch die Popularität der Grimm-Brüder und deren von völkischem Helden-Mythos durchdrungene Sagen-Sammlungen zunutze. Kein Wunder, dass das literarische Erbe der beiden nach 1945 jahrzehntelang auf Vorbehalte und Ablehnung stieß.
Heute sieht man die Dinge entspannter und differenzierter. Zeitgenössische Kritiker rücken wieder die große wissenschaftliche Leistung der Grimms und deren Verdienste um die Volkskultur in den Vordergrund. Das wirkt sich auch auf Ruf und Ansehen der gesamten „Volkstums-Branche“ aus. Die Welt des Geheimnisvollen und Legendären erlebt eine Art „geistiger Wiedergeburt“. Bekannte Sagen- und Märchen-Orte und -Landschaften ziehen nicht nur Mysterien-Freaks an. Das kommt naturgemäß auch der hiesigen, an Riesen, Zwergen, Elfen und Märchenschlössern reichen Weserbergland-Region zugute.

Erstausgabe
Die beiden frühen Sagensammlungen der Grimm-Brüder sind in puncto heimische Volkes Kunde noch vergleichsweise wenig ergiebig. Anders als zuweilen zu lesen, zogen die beiden bei ihren Recherchen nur selten auf Schusters Rappen im Lande umher, sondern schrieben den größten Teil ihrer Darstellungen in älteren Chroniken auf. Aus und über das Wesergebiet lag vor 200 Jahren offenbar nur wenig Brauchbares vor. Jedenfalls lassen sich nur ganz wenige ihrer Aufzeichnungen der hiesigen Landschaft und/oder Geschichte zuordnen. Zu den Ausnahmen zählen, neben den bereits erwähnten Rattenfänger-Storys, die Titel „Taube hält den Feind ab“ (Höxter), „Die fünf Kreuze“ und „Die Lilie im Kloster“ (beide Corvey), „Der Kobold in der Mühle“ (Rinteln) und „Die neun Kinder“ (Gründungsgeschichte Kloster Möllenbeck).
Das sieht – zumindest mengenmäßig – mittlerweile ganz anders aus. So sind in dem in den 1970er Jahren erschienenen Werk „Die schönsten Wesersagen an der Märchenstraße von Kassel bis Bremen“ des Kunsthistorikers und Volkskundlers Dr. Karl Paetow (1903-1992) mehr als zehnmal so viele in der hiesigen Gegend verortete Beiträge dieser Art abgedruckt.
Nach Aussage professioneller Volkskundler lassen sich Sagen – ihrer Herkunft, Thematik und Entstehungsgeschichte entsprechend – drei unterschiedlichen Gruppen zuordnen. Die Rede ist von Götter-, Helden- und Volkssagen. In den Schilderungen aus und über die Weserregion sind alle drei Kategorien zu finden. Ein Schwerpunkt sind die Erfahrungen mit Pest, Krieg, Tod, Krankheit und wundersamen Rettungs- und Heilungsvorgängen. Besonders tief haben sich auch Schmerz, Wut, Neid, Treulosigkeit und Geldgier – versinnbildlicht durch Drachen, Werwölfe und Dämonen – ins kollektive Unterbewusstsein eingebrannt.
Zu den heute populärsten Geschichten gehören die sogenannten „Erklärungssagen“. Historischer Hintergrund: Bis in die neuere Zeit hinein steckten wissenschaftliche Erkenntnisse noch in den Kinderschuhen. Das Denken und Trachten war von Unwissenheit, Angst und Aberglaube geprägt. Hinter Blitz, Donner und Nebel steckten böse Geister. Und an Orten, wo sich schroff und eigenwillig geformte Felsen auftürmten oder Wasser aus der Erde sprudelte, waren Elfen und andere wundersame Kräfte am Werk. Die Palette reichte von vorchristlichen Fabelwesen bis zum kirchlich angedrohten Hexeneinmaleins. „Aus dem Zusammenleben und Zusammenwohnen mit Felsen, Seen, Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine Art von Verbindung, die sich auf die Eigenthümlichkeit jeden dieser Gegenstände gründet“, umschrieben die Grimm-Brüder Ursprung und Entstehung der Volkssagen.