Wasser 1

Unter Nixen und Wassermännern

Was im bewegten Element so los ist

Von Wilhelm Gerntrup

Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser; aus Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück“, erkannte der große griechische Philosoph und Naturwissenschaftler Thales von Milet vor zweieinhalbtausend Jahren. Ob und wie viele Menschen es damals schon in der hiesigen Wesergegend gab und wie sie es mit dem wundersamen Nass hielten, weiß man nicht. Sicher ist jedoch dies: so poetisch wie der weise antike Gelehrte konnten sie ihre Erfahrungen mit der Quellflüssigkeit nicht in Worte fassen.

Ihr Verhältnis zur Natur und deren Segnungen und Katastrophen war vom alltäglichen Kampf ums nackte Dasein geprägt. Dem Wasser kam dabei zwar eine schicksalhafte Bedeutung zu, wo es herkam und woraus es gemacht war, wusste man jedoch nicht. Bis zur Entdeckung des H2O-Moleküls gab es Jahrtausende lang nur eine Erklärung: Bei der „Produktion“ der lebensspendenden Flüssigkeit mussten überirdische Kräfte und/oder unsichtbare Geister am Werk sein. Die Spekulationen und Vermutungen führten zu einer mengenmäßig und inhaltlich kaum überschaubaren Legendenbildung.
Die bislang umfangreichste Arbeit über Geschichte und Entwicklung dieser Art von Volkes Kunde haben uns die Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm hinterlassen. Als Meilenstein in Sachen Wasser-Sagen gilt die vom jüngeren Bruder Jacob 1835 herausgegebene „Deutsche Mythologie“. Er habe nicht zuletzt „darthun wollen, daß die Herzen unserer Voreltern voll des Glaubens an Gott und Götter“ waren, und es vor allem zu germanischer Zeit eine große Palette an „heiteren und großartigen, wenngleich unvollkommenen Vorstellungen von höheren Wesen“ gegeben habe, heißt es im Einleitungstext.
Dem kann man nach der Lektüre fast 800-seitigen Werks nur staunend zustimmen. Nach den Forschungen der Grimms hat es zahllose Variationen von Variationen von Wasserwesen gegeben. Ihre Lebens- und Einsatzbereiche waren zunächst vor allem Quellen, Bäche, Flüsse, Sümpfe und Moore. Im Laufe der Zeit wurden sie auch für alle anderen Feuchtgebiete und „Feuchtigkeitsformen“ wie Höhlen, Auen, Regen, Tau, Nebel, Dunst, Wolken, Schnee und Hagel zuständig. Das führte dazu, dass sich die wundersamen Kräfte im Laufe der Zeit sowohl mengen- als auch typenmäßig rapide vermehrten. Auch Charakter, Aussehen und Zuständigkeitsbereiche änderten sich stetig.
So erlebten Brunnengeister und (Mühlen-)Teichgeister im Gefolge der wachsenden menschlichen Siedlungstätigkeit bis ins späte Mittelalter hinein einen spürbaren Bedeutungszuwachs. Andere, wie die von den Germanen noch hoch und heilig verehrten Bewahrer und Wächter ihrer Quellen (niederdeutsch „born“) wurden nach der zwangsweisen Christianisierung von den neuen Vertretern der Papstkirche heftig bekämpft und ins Abseits gedrängt. Mehr noch. An vielen, der bis dato von der Urbevölkerung als Kultstätten verehren Plätze nahmen die fränkischen Eroberer blutige Zwangs-Massentaufen vor. Sachsen, die nicht sofort und an Ort und Stelle ihren germanischen Gottheiten abschworen, wurden ohne viel Federlesens geköpft. Das religiöse Andenken ließ sich dadurch allerdings nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten. Bis heute deuten Namenszusätze wie „heilig“ oder „hillig“ auf die einstmals (heidnische) Bedeutung eines Quellortes hin.
Die in ihrer engeren Nachbarschaft an und in Quellen, Brunnen, Bächen, Flüssen und Seen lebenden Wesen stellten sich die menschlichen Siedler gern in Menschengestalt vor. Andere, wie die abgeschieden in Mooren und finsteren Waldseen hausenden Kreaturen wurden der Gattung „Gruseltier-Geschöpfe“ zugeordnet. Einige der „Bösewichte“ mussten noch lange – auch nach Einführung der christlichen Lehre – durch regelmäßige Tier- oder Menschenopfer bei Laune gehalten werden.
Die ersten Wasserwesen-Generationen waren in punkto Herkunft und Entstehung noch eng mit der Märchengestalt Frau Holle verwoben. „Frau Holla badete im See oder Weiher“, heißt es bei Jacob Grimm, oder „in Hollas Wohnung gelangte man durch den Brunnen“. Nach einer überlieferten Geschichte pflegte sich eine im Berg Meissner bei Hannoversch Münden beheimatete Frau Holle regelmäßig im dortigen, später „Frau-Holleteich“ getauften Waldsee zu laben.
Größte und bekannteste Spezies der heimischen Wassergeister-Zunft waren die „Niks“ (Nixen). Es gab männliche und weibliche Ausformungen. Bekanntester männlicher Nix war der meist gutmütig daherkommende Wassermann. Sein böseres Abbild war der Neck, mancherorts auch „Strom-Kerl“ genannt. Die weibliche Verwandtschaft bestach durch Schönheit, Anmut und Verführungskunst. „Nixen erscheinen in der Sonne sitzend, ihre langen Haare kämmend, oder auch mit dem Obertheil des Leibs, der von hoher Schönheit ist, aus Wellen tauchend“, schildert Grimm die betörenden Auftritte.
Als Humbug bezeichnete er Hinweise, dass es hierzulande Nixen mit „fischartigem Untertheil“ gegeben habe. Diese Vorstellung sei „nicht echt deutsch, denn niemals treten hier geschwänzte Nixen auf“. Auch wenn sie (die heimischen Nixen) „ans Land gehen, sind sie gleich menschlichen Jungfrauen gestaltet und gekleidet, und nur an dem nassen Kleidersaum und an dem nassen Zipfel der Schürze zu erkennen“. In ihrem angestammten Unterwasserbereich auf dem Grund der Seen lebten sie in kostbaren Palästen.
An und in der Weser und ihren quell- und bachreichen Begleitbergen waren naturgemäß besonders viele und zum Teil äußerst speziell anmutende Wasserwesen, mancherorts auch „Seejungfer“, „Meerweib“, „Wasserfeine“, „Wasserholde“ oder schlicht „Wasserfrau“ genannt, zu Hause. Eine der Interessantesten soll vor langer Zeit in und bei Pyrmont gelebt haben. Die Geschichte ihrer Liebe zu Ritter Dietrich hat unter anderem in den 1920er Jahren der aus Detmold stammende Lehrer und Heimatforscher Heinrich Schwanold aufgezeichnet („Die Wasserfrau von Bad Pyrmont“)
Noch berühmter wurde die „Undine“ des Dichters Friedrich De la Motte-Fouqué. Der Ende des 18. Jahrhunderts als preußischer Offizier in Bückeburg stationierte Literat hatte sich bei einigen kurzen, schüchternen Begegnungen in einem nahen Parkgelände in eine 15-Jährige verliebt. Fouqué verarbeitete die kurze, schwärmerische Erfahrung in einer märchenhaften, später berühmt gewordenen Novelle, die Kritiker heute zu den bemerkenswertesten Werken der Spätromantik zählen.
Das bei Weitem Auffälligste an den in Sagen und Märchen beschriebenen Wassergeistern war deren Gesang. „Sie hatten lockende, bezaubernde Weisen“, wusste Jacob Grimm zu berichten. Vor allem die mit einem besonders schönen „gedöne“ (Gesangsstimme) ausgestatteten „Sirenen“ sangen so schön, dass es zu ungeahnten Reaktionen kommen konnte. So brachte eine besonders gefühlvoll und verführerisch singende junge Dame ihre Zuhörer dazu, sich dem Tanz hinzugeben. Man war allerdings gut beraten, „nur zehn Variationen“ aufs Parkett zu legen. Sollte man die elfte dranhängen, so „fangen auch Tische und Bänke, Kannen und Becher, Greise und Großmütter, Blinde und Lahme, selbst die Kinder in der Wiege an zu tanzen“.