Drache quer

Ungeheuerlich

Der furchteinflößende, kämpferische und neuerdings freundliche Drache

Von Cornelia Kurth

Wie niedlich Drachen doch sein können. Sie heißen Grisu und Kokosnuss, Tabaluga, Nepomuk und sogar „Hab-mich-lieb“. Gemeinsam ist diesen Kinderbuch-Drachen, dass sie genau das Gegenteil ihrer ursprünglich so furchteinflößenden Vorfahren sein wollen. Da werden keine Prinzessinnen geraubt, keine Menschen gefressen und schon gar nicht erscheinen Drachentöter, die sie heldenhaft töten. Diese Drachen sind Freunde der Menschen – das ist wirklich neu.

Ob es wohl ein Zufall ist, dass der Blick auf die Dinosaurier eine ähnliche Entwicklung genommen hat und aus der einst „schreckliche Echse“ ein kleiner „Dino“ wurde? Zumindest hat man schon immer viel darüber spekuliert, woher es kommt, dass die Drachen der Märchen und Sagen eine so große Ähnlichkeit mit den urzeitlichen Sauriern aufweisen. Zwar ist wissenschaftlich gesichert, dass kein Mensch jemals einem leibhaftigen Dinosaurier begegnet sein kann. Als der Homo Sapiens vor etwa 160 000 Jahren erschien, waren die Saurier bereits seit fast 65 000 Millionen Jahren ausgestorben. Allerdings hinterließen sie Spuren, in Form von mächtigen Knochen und riesigen Fußabtritten.
So entstanden allerlei Theorien darüber, ob sich im Laufe der Evolution der Säugetiere vielleicht eine Art „kollektives Gedächtnis“ bildete, ein inneres Bild vom Tyrannosaurus etwa oder dem Flugsaurier Archaeopteryx. Das könnte vielleicht eine Erklärung dafür sein, dass in den traditionellen Erzählungen so vieler Kulturen Drachenwesen auftauchen, die fast genau so aussehen, wie wir uns heute die Dinosaurier vorstellen.

Andere Erklärungsversuche für diese Ähnlichkeit gehen davon aus, dass fossile Funde die menschliche Fantasie einigermaßen realistisch beflügelten. Im alten China wurden übergroße Knochen „Drachenknochen“ genannt, in Südamerika finden sich uralte Zeichnungen von mächtigen saurierähnlichen Tieren, und auch in Griechenland, Italien, Deutschland und England entdeckte man früh Trampelpfade, von denen man heute weiß, dass sie von Sauriern stammen. In all diesen Gegenden entstand der Mythos vom Drachen, und lange glaubten auch die Naturwissenschaftler, es müsse diese Wesen wirklich geben, irgendwo versteckt in Höhlen, Feldwänden und im Meer.

Drachen

Tatsächlich aber ist es ein Irrtum anzunehmen, dass die Vorstellung vom Aussehen der Drachen durch die Jahrtausende hindurch immer dieselbe geblieben sei. Ihre „Verwandtschaft“ mit den Sauriern entwickelte sich erst, nachdem es mit der Aufklärung und dann verstärkt im 19. Jahrhunderts zu einer Revolution im naturwissenschaftlichen Forschen kam. Solange man glaubte, die Erde könne höchstens 6000 Jahre alt sein, ganz so, wie es sich aus den Angaben der Bibel errechnen ließ, solange es, ebenfalls aus theologischen Gründen, unmöglich erschien, dass Tiere der Schöpfung Gottes ausgestorben sein könnten, so lange führte auch kein Weg dahin, Fossilien überhaupt als solche zu erkennen.

Der englische Arzt Gideon Mantell war ein mutiger Mann freien Geistes, der erste, der auf die Idee kam, es könne urzeitliche Riesenreptilien gegeben haben. Seine Beschreibung des Iguanodon, die er aufgrund seiner Zahn- und Knochenfunde anfertigte, war der Auslöser dafür, dass auch andere Knochenfunde ganz neu interpretiert wurden. Nach und nach rekonstruierte man auf wissenschaftlicher Grundlage das Aussehen der Saurier. Und genau zu dieser Zeit wandelte sich das Bild von den Drachen, so, wie wir sie heute dargestellt finden in Büchern, Filmen und besonders auch in PC-Spielen.

Vorher nämlich waren Drachen nur selten zweibeinige Echsenwesen mit mächtigen Flügeln und dem Kopf eines Tyrannosaurus Rex. In Europa und dem Vorderen Orient orientierte sich das Aussehen der Drachen an real existierenden Tieren. Sie hatten manchmal Löwenköpfe und Adlerkrallen, und alles in allem erinnern die Abbildungen an übergroße, gedrungene Schlangen, manchmal mit kleinen Flügeln versehen oder mit vier Beinchen. Nicht umsonst leitet sich die deutsche Bezeichnung „Drache“ vom griechischen Wort für die Schlange ab: „dracon“. Die genaue Übersetzung wäre: Der starr Blickende, und genau dafür sind Schlangen ja bekannt, dass sie mit ihrem starren Blick ihr Opfer hypnotisieren.

Dass Drachen-Bilder also erst seit etwa zweihundert Jahren die Dinosaurier zum Vorbild haben und davor überwiegend als (geflügelte) Mischwesen mit dem Körper einer Riesenschlange dargestellt sind, hängt auch mit der Schöpfungsgeschichte der Bibel zusammen. Dort ist es die Schlange, die als Widersacher von Gott und Mensch, den verbotenen Apfel an Eva weiterreicht, was zur Vertreibung der Menschen aus dem Paradies führt. Die Schlange steht für das Böse und die Verführung zum Bösen. Dieses Motiv greift die Bibel in mehreren Geschichten rund um schlangenartige Ungeheuer wieder auf, um dann, in ihrem letzten Buch, der Offenbarung, den Erzengel Michael gegen einen siebenköpfigen Schlangendrachen kämpfen zu lassen: „es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt“.

Nicht nur der Erzengel kämpft gegen den „großen Drachen“. In den Völkersagen wimmelt es nur so von Drachenkämpfern. Manchmal geht es dabei nur darum, einen sagenhaften Schatz zu erobern. In den meisten Fällen aber bedeutet der Drachenkampf einen Kampf gegen das Böse. Der Held rettet Jungfrauen, die dem Ungeheuer geopfert werden müssen, darunter meistens eine Prinzessin, und befreit damit das Land von der Plage eines raubenden, mordenden, oft feuerspeienden Drachen. Berühmte Beispiele dafür sind die „Zwei Brüder“ der Grimmschen Märchen, oder Siegfried aus dem Nibelungenlied, der den Lindwurm, tötet; der nordische „Beowulf“ ist ebenso ein Drachentöter wie Dietrich von Bern und Hildebrand aus den Deutschen Heldensagen.

In den letzten fünfzehn Jahren nun sind Millionen und Abermillionen neue Drachentöter hinzugekommen, all die Rollenspieler nämlich, die sich in entsprechenden PC-Spielen in den großen Kampf gegen weltzerstörende Drachen begeben (und siegen). Diese neuzeitlichen Drachen sind, wie gesagt, keine „Lindwürmer“ mehr (Lindwurm ist ein Pleonasmus und bedeutet so viel wie „Schlangen-Schlange), sondern schrecklich-schöne, mit aller Fantasy-Phantasie erschaffene Wesen, die zu töten immer auch ein bisschen traurig macht. Wohl gerade deshalb gibt es inzwischen auch Spiele, die sich das Jugendbuch und den gleichnamigen Film „Drachen zähmen leicht gemacht“ zum Vorbild nehmen. Dann werden Drachen nicht mehr getötet, sondern zum Verbündeten gemacht.

Je später Drachen in Büchern, Filmen und Spielen kreiert wurden, desto wahrscheinlicher ist es, dass Mensch und Drache eine freundschaftliche Beziehung aufbauen können. Das ist in den überlieferten Sagen und Märchen aus Europa so gut nie der Fall (wohl aber in asiatisch geprägten Drachenwelt). Bestenfalls können die Drachen der alten Sagen sprechen, wobei sie den angehenden Drachentöter höhnisch vor einem scheinbar aussichtslosen Kampf warnen, ihn bedrohen, verspotten und nicht im Geringsten vorhaben, sich zukünftig in Sachen Raub und Mord zurückzuhalten. „Neuzeitliche Drachen dagegen lassen sich sogar reiten (wie zum Beispiel in den „Eragon-Romanen“).

Von diesen Freundschaftsmöglichkeiten zwischen Drachen und Menschen bis zum niedlichen Drachen als Spielkamerad für Kinder ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Und wer weiß, vielleicht standen zu dieser Entwicklung auch wieder die Dinosaurier Pate. Noch vor den Drachen machten sie in den Augen der Menschen einen Verniedlichungsprozess durch. Aus schauerlichen Urwesen, deren Skelette man in Museen bewundern konnte und die, wieder auferstanden, in Romanen und Filmen die Menschheit bedrohen, wandelten sie sich in „Little Foot“ aus dem Buch „In einem Land vor unserer Zeit“ oder in die sympathische Dino-Familie der amerikanischen Fernsehserie, wo das Saurier-Baby ständig ausruft: „Bin das Baby, musst mich liebhaben“