Hexe Manthey

Hexenkult und Hexenwahn

Von der Heilerin zu Symbolfigur des Bösen

Von Wilhelm Gerntrup

Knuper, knuper, kneischen, wer knupert an meinem Häuschen?“ fragte die Bewohnerin des Knusperhäuschens die hilflos und hungernd im Wald umherirrenden Hänsel und Gretel. Die Begegnung der Geschwister mit der bösen alten Hexe gehört zu den berühmtesten Szenen der deutschen Volksliteratur. Zu verdanken haben wir die Überlieferung der Geschichte bekanntlich Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm. Die Brüder hatten die ihnen zu Ohren gekommene Erzählung im 1812 erschienenen Band I ihrer berühmten Märchensammlung veröffentlicht. Die in der Erstfassung auf ca. zweieinhalb Seiten festgehaltene Geschichte vom Sieg kindlicher Unschuld über das Böse wurde zu einer der weltweit bekannten, mehrfach verfilmten und in immer neuen Variationen nacherzählten Erfolgsstory. Das hat nach Einschätzung von Literaturwissenschaftlern auch und vor allem mit der neuartigen und lange Zeit umstrittenen Darstellung der Hexen-Figur zu tun.


„Hexen“ und „Hexen“-Geschichten sind seit alters und in vielen Volkskulturen bekannt. Meist ging und geht es um Frauen, die nach dem Eindruck ihrer Zeitgenossen mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Ganz selten stehen Männer im Blickpunkt. Dabei sollen die „Hexen“ den Leuten – zumindest hierzulande – bis ins frühe Mittelalter hinein nicht (nur) als Ausgeburt des Bösen, sondern auch als durchaus positive, mythische „Zwischenwesen“ und als Beistand bei der Bewältigung des Alltags erschienen sein. Hintergrund: bis in die Neuzeit hinein war das Leben unserer Altvorderen von einem hohen Ausmaß an Unwissenheit und Aberglaube geprägt. Hinter Blitz, Donner, schlechter Ernte und Krankheit wurden überirdische Kräfte, Geister und Gottheiten vermutet. Bei der Hoffnung auf Glück und/oder „gut Wetter“ setzte man, neben Flehen und Opfergaben, auf Unterstützung von „weisen“ und von einer „Aura des Übermenschlichen“ umwehten Frauen. Viele hatten sich als Seherinnen, Wunderheilerinnen, Kräuterweiber oder auch Hebammen hervorgetan. Geschlechtsgenossinnen, denen man Verbindung zu bösen Kräften nachsagte oder gar von solchen „besessen“ waren, wurden von den einst hierzulande hausenden heidnischen Germanen „unholde“ (= nicht holde, sondern feindselige und böse Frauen) genannt. Die Bezeichnung „Hexe“ war bis weit ins Mittelalter ungebräuchlich und unbekannt.
Die Tatsache, dass man mythische Fähigkeiten und Eigenschaften jeglicher Art fast ausschließlich mit Frauen in Verbindung brachte, wird in Forschungsberichten damit erklärt, dass es „den deutschen Völkern von jeher besonders eingeprägt“ sei, „dem weiblichen Geschlecht eine höhere Scheu und Ehrfurcht zu beweisen“. Schließlich habe schon der altrömische Chronist Tacitus darauf hingewiesen, „wie gewaltig die germanischen Frauen auf ihre Krieger einwirkten“. Und auch beim tröstenden Streicheln und beim Wunden reinigen und verbinden wirke eine „linde weiche weibliche Hand“ stets besser als eine von Schwert und Pflug gehärtete Männerfaust.
Im Gefolge der Christianisierung begann sich die Einstellung zu den „wissenden“ Frauen von Grund auf zu ändern. Die neue Glaubenslehre ließ übersinnliche Kräfte neben Allvater Gott nicht zu. Verdächtige beiderlei Geschlechts wurden ab etwa 1000 n. Chr. gnaden- und unterschiedslos dämonisiert, immer öfter als „Hexen“ oder „Hexer“ gebrandmarkt und der „Teufelsbuhlschaft“ bezichtigt. Die Folgen sind bekannt. Mitte des 15. Jahrhunderts begann eine rund 300 Jahre andauernde Epoche grausamster Massenverfolgungen. Die Rechtfertigung lieferte unter anderem die 1484 verfasste Hassschrift „Hexenhammer“. Glaubwürdigen Untersuchungsberichten zufolge sollen europaweit mehr als 40.000 Menschen, zumeist Frauen, umgebracht worden sein.
Durch die Brüder Grimm erfuhr der Hexen-Begriff eine inhaltliche Neuausrichtung. Aus den germanischen Seherinnen und späteren christlichen Inquisitionsopfern wurden Märchenfiguren mit besonders schlimmen Charaktereigenschaften. Anders gesagt: die Grimm-Hexen waren und sind allesamt alt, hässlich, hinterhältig und verschlagen. Nach Einschätzung der meisten heutigen Volkskundler hat die Umstellung den Märchen insgesamt gutgetan. Manche werten sie gar als„literarischen Geniestreich“. Die Schaffung einer Symbolfigur fürs zutiefst Böse habe die Attraktivität der Erzählungen deutlich erhöht, ist zu lesen. Der uralte, bislang eher als Randthema behandelte Konflikt zwischen Macht und Ohnmacht oder Hochmut und Demut sei auf unterhaltsame Weise in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt. Märchen würden nicht mehr als belehrendes, verzerrtes Abbild der Wirklichkeit, sondern als wundersame, eigenständige Fantasiegeschichten wahrgenommen.
Das sahen frühere Generationen noch anders. Schon bald nach Erscheinen ihrer ersten Märchensammlung sahen sich die Grimms kritischen Fragen ausgesetzt. Ihre bösartige und boshafte Hexen-Darstellung stelle eine Verunglimpfung der noch bis wenige Jahrzehnte zuvor verfolgten und verbrannten Frauen dar, war von Zeitgenossen zu hören. Fast beschwörend waren die Brüder in der Folgezeit bemüht, den aus ihrer Sicht entscheidenden Unterschied zu erklären. Sie hätten althergebrachte Überlieferungen nur neu erzählt, machte Jacob Grimm in seiner 1835 erschienenen „Deutschen Mythologie“ deutlich. Die Hexenverfolgung habe damit nichts zu tun. Die sei einem „die Fantasie des Volkes erfüllenden Wahnglauben“ entsprungen.