Wildmann quer

Die wilden Männer vom Walde

Besondere Popularität erlangte der hünenhafte Berggeist Rübezahl

Von Peter Weber

Ehe die Einsamkeit dunkler Wälder zu einem Sehnsuchtsort romantischer Naturbegeisterung werden konnte, mussten diese erst ihren Schrecken verlieren. Von je her waren die riesigen, unzugänglichen Waldgebiete, die die gerodeten Inseln menschlicher Zivilisation hierzulande bedrohlich umstellten, eher Orte des Grauens, boten wilden Tieren in Wolfslöchern, Bärenhöhlen und Natterngruben Unterschlupf, Räuberbanden, aber auch geisterhaftem Volk Aufenthalt – Kobolden und Baumgeistern, denen nicht zu trauen war.

Zum Inventar sagenhafter Gestalten der alten, rauschenden Wälder gehört auch eine besonders grobe Spezies, der „wilde Mann“, auch Waldmensch oder Waldschrat geheißen, ein Urbild unbändiger Kraft und männlicher Potenz. Er ist, der Name deutet es an, von durchaus menschlicher, dabei oft riesenhafter, grobschlächtiger Gestalt, und von einem Wesen, das ihn der menschlichen Gemeinschaft ferne hält, ja, zu ihrem Gegenpol werden lässt. Ein unbekleideter, nur mit einem Blätterschurz versehener oder aber am ganzen Leibe mit Zottelfell bedeckter, langhaariger, bärtiger Geselle, der die Keule schwingend oder mit einem ausgerissenen Baum gewappnet, die Wälder unsicher macht und aus ihrem Schutz heraus die Menschen in Bedrängnis bringt.

Sagen vom wilden Menschen lassen sich in vielen Kulturkreisen nachweisen, treten aber vermehrt im Alpenraum, in nordischen oder slawischen Regionen auf und lassen ihn dabei in ganz unterschiedlichen Verwandtschaftsverhältnissen Gestalt annehmen. Er irrlichtert als Berggeist Rübezahl durchs schlesische Riesengebirge, zieht als ruheloser wilder Jäger umher, begleitet als düsterer Kinderschreck den Nikolaus, geistert als zauberischer Eisenhans durch die Märchenwelt oder hält über die Erzvorkommen entlegener Gebirgsregionen wacht – der Harzer Ort Wildemann etwa leitet von einer entsprechenden Sage seinen Namen ab:

Harzer Bergleute stießen auf Erkundungsgängen in menschenleerer Gegend auf zwei wilde Gestalten, einen Mann und eine Frau. Sie waren von riesenhafter Statur und bis auf einen Blätterschurz unbekleidet. Als sie ihnen nachstellten, verschwanden die beiden im Unterholz, wurden aber hin und wieder gesehen, bis es den Bergleuten gelang, den Mann mit einem Pfeil an Fuß zu verletzen und trotz dessen heftiger Gegenwehr mit einem aus der Erde gerissenen Baum gefangen zu nehmen. Die Frau verschwand jedoch nach erbittertem Kampf auf nimmer Wiedersehen. Als der Gefangene kurz darauf starb, fand man in seiner Höhle eine Erzader, die den Bergbau in dieser Harzregion begründete. Der wilde Mann aber hatte im Kampf vor Wut seinen Baum in die Erde gestoßen, diese Linde steht noch heute vor dem Hotel Rathaus in Wildemann.

Rübezahl

Mit der Figur des wilden Jägers hat es eine eigene Bewandtnis, kann er doch nach seinem Tode in ewiger Verdammnis keine Ruhe finden. So wie der „Wilde Jäger Hackelberg“, der zu den bekanntesten Sagengestalten im Solling gehört, wo er am Moosberg bei Neuhaus sein Revier hat. Der Jäger war auf Bitten seiner Frau einer Jagd nach einem gefährlichen Keiler fern geblieben. Als seine Jagdgenossen ihm das erlegte Tier präsentierten, verhöhnte er es voller Verlegenheit, verletzte sich aber an einem Hauer des Keilers, worauf er nach kurzer Zeit verstarb. In seiner Todesstunde verdammte er sich selbst zu ewiger Jagd und fährt nun in stürmischen Herbstnächten aus seinem Grab, um, geführt von einem Nachtraben und begleitet vom Gebell der Hunde und vom Hufschlag seines Pferdes, in wilder Jagd durch die Lüfte zu toben und Schrecken zu verbreiten. Bis endlich der erste Hahnenschrei und die aufgehende Sonne ihn wieder zurück in sein Grab auf den Moosberg befördern.

Besondere Popularität erlangte der wilde Mann in der hünenhaften Gestalt des schlesischen Berggeistes Rübezahl, der mit seinen Zauberkräften den Menschen Angst einjagt und vor allem für das launische Wetter der Gebirgsregion verantwortlich gemacht wird. Was die Gebirgler allerdings nicht davon abhielt, ihren „Herrn der Berge“ ihrerseits zu ärgern und zu versuchen, ihm auf die Schliche zu kommen. Der Schriftsteller und Volkskundler Johann Karl August Musäus gibt im 18. Jahrhundert folgende Charakterisierung des Berggeistes: „Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt“.

Die Figur des wilden Mannes ist nicht einfach zu deuten, sicher steht sie für das Unbeherrschte, das Unbändige der äußeren Natur, in die der Mensch im Laufe des Zivilisationsprozesses immer weiter eindringt, sie verweist aber auch auf dessen innere Natur, für das bedrohlich Ungezügelte seines Wesens, für psychische Kräfte, die nach Bändigung und Ausgleich suchen. Wie bei allem, was Schrecken erregt und Ängste weckt, braucht es ein Ventil, um sich aus solchen Nöten zu befreien – etwa in ihrer Vergegenwärtigung in Schauergeschichten, erzählt am glimmenden Feuer langer Winterabende, das die Menschen zusammenrücken lässt, oder in spätwinterlichen Fastnachtsbräuchen, bei denen, wenn die Macht der Finsternis weicht und das Licht des neuen Jahres allmählich wieder Oberhand gewinnt, fürchterliches Volk in Fellkostümen und wüsten Masken lärmend durch die Straßen zieht oder eben im Entzünden lodernder Feuer, die solche Ausgeburten des Bösen von der Erde verbannen sollen.

Sittsamkeit und Moral kümmern die wilden Männer nicht und natürlich gereicht ihr Treiben dazu, sie zu Widersachern eines gottesfürchtigen Lebens werden zu lassen, zu Vertretern eines negativen Prinzips, das sich dem göttlichen Heilsplan widersetzt. So vergewissert man sich einer Figur, die dem ungezügelten Wilden als leuchtender Widerpart entgegentritt - der edle Ritter, der nicht nur als heiliger Georg den Drachen besiegt, sondern eben auch den wilden Mann in seine Schranken weist. Doch auch Frauen zeigen sich befähigt, den Wildling zu unterwerfen, dem Weiblichen allerdings genügen Tugend und Sanftheit, um ihn an die Kette zu legen, wie es ein Basler Wandteppich aus dem 15. Jahrhundert zeigt, umrahmt von einem Spruchband: „ich wil iemer wesen wild, bisz mich zemt ein frowen bild“.

Er ist eben, trotz seiner körperlichen Kräfte und grobianischen Natur, keineswegs unbesiegbar und in seinem Verhalten zeitigt sich durchaus Widersprüchliches, er treibt üblen Schabernack, steht aber auch dem Bedrängten einmal hilfreich zur Seite und verfügt über zauberische Kräfte, von denen er im Guten wie im Bösen Gebrauch zu machen versteht. Gerade diese seine menschenähnliche Ambivalenz lässt den wilden Mann als mythische Gestalt Popularität gewinnen. Und natürlich bildet solch ein kraftstrotzender Hüne ein Faszinosum, das ihn in einer Vielzahl von Orts- und Gaststättennamen, als Wappenfigur, Spielkartenmotiv, als Schnitzwerk oder Element des Fachwerkbaus in das Alltagsleben der Menschen hat Eingang finden lassen.