Riesen-Schatten2

Aus der Zeit der Riesen

Von wilden Kerlen aus Sagen und Märchen

Von Richard Peter

Sie sind nun mal XXL, die Riesen, waren es zumindest – und jetzt so gut wie ausgestorben. Unser Nowitzki ist nur noch ein müder Abklatsch. Aber schlicht und sagenhaft: Kein Weserbergland ohne Riesen. Als diese nämlich den Harz mit dem Brocken auftürmten und dazu vom Meer in riesigen Karren den Sand holten, tropfte beim Transport immer wieder Material aus dem Gefährt, so dass daraus das Bergland an der Weser erwuchs. Das ist zwar geografisch schwer nachzuvollziehen, ein bisschen seltsam allemal und außerdem ein ziemlicher Umweg: Warum tropfte es nicht schon in der Heide Hügel und Bergzüge? Aber was soll’s, vielleicht waren die so massig-massiven Kerle angetan von unserer Gegend oder kannten hier ein Fräulein Riese, dass sie den Umweg gerne in Kauf nahmen.

Oft, wie es bei Jacob Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“ heißt, wird von zwei Riesengenossen oder Nachbarn erzählt, die auf nebeneinanderliegenden Bergen oder zu beiden Seiten eines Stromes hausten. Das gilt auch für zwei Riesen auf dem Paschenberg und dem gegenüberliegenden Borberg. Immer buken die beiden Giganten ihr Brot gemeinsam, einmal bei dem einen, dann bei dem anderen. Allerdings gab’s auch einmal richtig Knatsch, als der Riese vom Paschenberg noch selig schlief, als der andere zum Backen kam, nichts vorbereitet fand und er vor Zorn den Teig hinschmiss, woraus dann der Nesselberg entstand, auf dem sich heute die Schaumburg befindet.

Riesen also, wohin man auch schaut – weltweit. Die deutschen Vertreter wohnten übrigens zuletzt in „Riesenheim“, einer Art „Reservat“ für eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die urlange unbändige Körperkräfte verkörperte. So gewalttätig und jähzornig sie auch sein konnten – sie schleuderten dann gerne Felsen in die Gegend, rieben Flammen aus den Steinen oder pressten Wasser daraus, wie es bei Grimm heißt – galten sie aber auch als weise. Immerhin waren sie von Anfang an dabei und mussten schließlich, bei so viel Erfahrung, – zumindest einige von ihnen – weise werden.

Die ersten Götter, darüber ist man sich auch in der germanischen Mythologie einig, stammen allesamt von den Riesen ab. Tacitus, der sich erfreulicherweise so intensiv mit uns beschäftigt hat – was wüssten wir sonst – berichtete in seinem „Germania“ von Mischvölkern aus Menschen und Riesen weit im Norden. Das könnten durchaus unsere Friesen sein, in der Zeit der Schlacht im Teutoburger Wald. Da war Jesus noch nicht einmal ein Teenie.
Zwei namentlich bekannte Riesen gibt es bei den Nibelungen, Fasolt und Fafner, die für Wotan und seine regierende Sippschaft „Walhalla“ zum Wohnsitz erbauten. Dumm nur, dass der Firmenchef für die Bauarbeiten leichtfertig seine Göttin der ewigen Jugend, Freia, in die Fasolt verliebt war, als Lohn einsetzte. Und natürlich nicht zahlen wollte. Aber da war ja auch noch das Rheingold, das sich der Schwarzalbe Alberich aneignete,
indem er auf ewige Zeiten auf Liebe verzichtete, aber von Lohe, dem Gott des Feuers, ausgetrickst wurde. Musikalisch von Wagner Gänsehaut erzeugend ist der Ring-Fluch. Das Gold geht an die beiden Riesen, auch der Ring, dessen Fluch sich erfüllt, indem Fafner postwendend Fasolt erschlägt. Fasolt ist es dann, der als Drache das Nibelungengold bewacht und von unserem goldgelockten Superman Siegfried erstochen wird. Der jetzt unverletzbar ist durch das Drachenblut, in dem er badet, aber dabei das Lindenblatt übersieht. So hat jeder Held seine Achillesferse.

Einer der weltweit bekanntesten Riesen: Goliath, diese Kampfmaschine, die so tragisch von dem Hirtenjungen David mit seiner Steinschleuder ins Jenseits befördert wird. Vielleicht ist die Geschichte nur deshalb so berühmt, weil Künstler, wie Michelangelo mit seinem David aus der Akademia in Florenz und der Kopie vor dem Palazzo Vecchio, dafür sorgen, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Auch in Regensburg gibt es ein Goliathhaus, mit dem Riesen riesig auf die Hausfront gemalt

Natürlich – und das liest die Mehrzahl der Menschen besonders gern – hat so ein Hänfling allemal eine Chance gegen die Kraftmeier und Großkopferten. Ein durchaus soziales Vorspiegelbild, das für Genugtuung aller Loser sorgte. Und da ist ja was dran: Auch die Dinos sind ausgestorben, und der Küchenschabe wird bescheinigt, dass sie vermutlich sogar eine Atomkatastrophe überleben würde.
Schon die Kundschafter, die von Moses ins „Gelobte Land“ nördlich des Sinai geschickt wurden, berichten von Riesen, den Söhnen Anaks, den Anakitern. „Wir sahen dort“, wie es in der Bibel (Numeris 13, 32-33) heißt, „auch Riesen Anaks aus dem Geschlecht der Riesen und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen.“ Auch im Land Moab lebte ein Riesen-Volk, die Emiter. Wie es in der Bibel aber auch heißt, rotteten Moses und Josua die Riesen aus. Was auch Goliath betrifft, der dem Volk der Rafaitern, allesamt Riesen, entstammt und in Gat im Verbund mit den Philistern stand.
Goliaths Größe wird übrigens mit sechs Ellen und einer Handbreit – also ungefähr zwei bis drei Metern – angegeben. Da können unsere Basketballer fast schon mithalten.
Als Land der Riesen könnte auch Griechenland gelten. Da geht es allerdings so drunter und drüber, dass sich keine Sau mehr auskennt, weil jede Geschichte anders, so ganz anders und noch mal anders erzählt wird. Da sind einmal die Titanen, unzivilisierte Vorgänger der griechischen Götter, die nach einem Angriff gegen die Olympier von diesen in die „Hölle“ geschickt wurden. Bei Goethe heißt es, „aus Schlünden der Tiefe dampft ihnen der Atem erstickter Titanen gleich Opfergerüchen“. Dann die Giganten, ein Mischvolk aus Menschen und Schlangen. Sie sind Gegner der olympischen Götter unter Zeus. Dazu kommen noch die Zyklopen, einäugige Monster, die für die heute noch zu bestaunenden Zyklopenmauern in Tyrins und Mykene auf dem Pelopones zuständig waren. Ein paar Berühmtheiten unter den Riesen: „Argos“ sollte „Jo“, die von Zeus als Wölkchen umschmiegt wurde und dann in eine Kuh verwandelte Geliebte des Göttervaters, bewachen. Doch der alte Verführer Zeus ließ den Hundertäugigen von Hermes, dem Götterboten, einschläfern und töten. Hera, mit Zeus verheiratet, war erst stinksauer, übertrug dann die Argus-Augen aber ästhetisch auf das Pfauenkleid. Auch Herkules, von Zeus mit Alkmene in der Gestalt ihres Gatten Amphitryon gezeugt, musste einige der Riesen töten. Ebenfalls berühmt geworden durch Homers „Odyssee“ ist der Zyklop Polyphem auf Sizilien vor der Küste des Ätna zwischen Taormina und Catania, der von Odysseus geblendet wurde. Die Kyklopen waren übrigens Söhne des Uranus und der Gaia, Urgötter noch vor Kronos.

Riesen bevölkern ganz selbstverständlich auch unsere Märchen. Am berühmtesten im „tapferen Schneiderlein“ das gleich mehrere von ihnen an der Nase herumführt – nicht nur mit seinem gestickten „Sieben auf einen Streich“ – und es schließlich zum König bringt.
Die Literatur kommt an den Übergrößen in Menschengestalt ebenfalls nicht vorbei. „Gargantua und Pantagruel“ zum Beispiel, zwei Weltliteratur-Riesen aus der Feder von Francoise Rabelais, wobei Gargantuas Fresssucht und sein Riesenbauch unvergesslich wurden. Das Buch – eigentlich die Bücher – beginnt mit „Sehr treffliche Zecher, und ihr meine kostbaren Venusseuchlinge“: Die Syphilis hatte gerade erfolgreich mit Kartoffeln und Tomaten ihren Einzug in Europa erlebt. Wie relativ Größe sein kann, beschreibt Jonathan Swift in „Gullivers Reisen“. In Lilliput ist der Romanheld der alles überragende Riese; in Brobdingnag, dem Land der Riesen, ist er der Zwerg. Eine besonders reizvolle Erfindung: Michael Endes „Scheinriese“, der in der Ferne überwältigend groß erscheint, aber immer kleiner wird, je näher er kommt. Eine Metapher, die auf so vieles zutrifft.
Riesen gibt es auch in Tolkiens Mittelerde, wo sie auf den Spitzen des Nebelgebirges leben. Bei Roald Dahls „Sophiechen und der Riese“ finden sich neun grausame und ein etwas tumber, aber guter Riese, und in Rowlings Potter-Sellern rotten sie sich beinahe selber aus. Ein sehr liebenswerter, weil geläuterter Riese findet sich bei Oscar Wilde und seinem Märchen vom „Selfish Giant“.

Ein besonderes Exemplar unter den Giganten zum Schluss – auch wenn hier noch lange nicht Schluss sein müsste – Rübezahl. Er ist ein bisschen aus der Mode gekommen und nicht mehr ganz so präsent als noch vor Jahren, aber immerhin: Seine Heimat war und ist das Riesengebirge.