Glühwürmchen

Tanz, Glühwürmchen, tanz

Jetzt im Frühsommer haben Glühwürmchen ihren glanzvollen Auftritt



Von Gabi Laube

Glühwürmchen gelten als Magiere unter den Insekten, ihre Show beginnt in der Dämmerung einer Mittsommernacht. Funkelnden Perlen gleich schwirren die Johanniskäfer auf ihrer gefährlichen Partnersuche im Garten umher. Die winzigen Geschöpfe betören mit ihrem Auftritt nicht nur ihre Braut; ihre kurze Lebensgeschichte rund um Liebe, Leid und Lust inspiriert auch Menschen zu künstlerischen Werken. Die Mythologie sagte den „Irrwischen“ nach, Unheil zu bringen. Selbst das Sterben der Popstars unter den Käfern beginnt – mit einem Leuchten.

 

 

An späten Sommerabenden tanzen in heimischen Gärten oft kleine, cremefarbige Lichtfunken umher. Es sind Glühwürmchen, die von Mitte Juni bis Mitte Juli Hochzeit feiern. Ihren Namen verdanken die Tierchen, die weder Würmer sind, noch Hitze verströmen, dabei den flugunfähigen Weibchen vom Großen und Kleinen Johanniskäfer. Diese gleichen mit ihrem gedrungenen Körper übergroßen Larven, während die kleineren geflügelten Männchen wie typische Käfer aussehen. Tagsüber aber achten nur Fressfeinde auf die unscheinbaren schwarz-braunen Geschöpfe, die an warmen Böschungen, auf krautigen Wiesen oder feuchten Lichtungen leben. Rund um den Johannistag am 24. Juni ist die beste Zeit, dem Balzen der Leuchtkäfer zuzuschauen.

Als hätte er an sie gedacht, so treffend klingt der Refrain im Lied von NDW-Sänger Markus: „Ich schalt mich ein, ich schalt mich aus, ich glüh‘ in hundert schicken Farben… Kleine Taschenlampe brenn‘ schreib „Ich lieb‘ dich“ in den Himmel.“ Angeblich sollen sich an Orten, wo viele Glühwürmchen sind, auch Elfen, Feen, Zwerge, Gnome und andere Naturgeister tummeln.

Doch nicht immer wurden die Irrwische, die sogar in Goethes Faust Erwähnung finden, als gutes Omen gewertet. Mancherorts wies man dieser Erscheinung unheilbringende Eigenschaften zu. Denn die Naturgeister, so hieß es, bringen die Wanderer vom Wege ab. Sie locken sie ins Moor oder in den Sumpf und damit in den sicheren Tod. Irrlichter galten als ruhelose Seelen Verstorbener. Sie wären dazu verdammt, so lange umher zu irren, bis sie eine zu Lebzeiten begangene Sünde verbüßt hätten. Schamanen sehen in den Leuchtwesen Seelengefährten, die den Menschen helfen, ihren jeweiligen Lebensweg klarer zu erkennen. Einem Mythos nach wurden die „Fireflies“ durch eine Göttin geschaffen, um die streitenden Elemente Feuer und Luft zu vereinen.

Den Asiaten ist europäische Scheu vor Insekten fremd. Mehr noch, Japaner verehren bereits seit über 1000 Jahren Glühwürmchen, „hotaru“ genannt, in ihrer Kunst, Lyrik und Mythologie. Die funkelnden Leuchtkäferchen haben in Japan einen festen Platz in Märchen und Sagen, sie gelten als Metapher für stille, leidenschaftliche Liebe. Im Anime-Klassiker „Glühwürmchen“ von 1998 spiegeln sie sich als Geister der Toten wieder. Viele Städte veranstalten Glühwürmchen-Festivals. Maibara am Naturdenkmal Amano River gehört zu den berühmtesten Glühwürmchen Hot-Spots in Japan. In Thailand und Malaysia stehen Leuchtkäfer als nationales Kulturgut unter Schutz, einen Touristenboom rund um nächtlich funkelndes Schauspiel bescheren die liebesshungrigen synchron blinkenden Glühkäfer dem winzigen Fischerdorf Kampung Kuantan.
Der Käfer und das Würmchen sind ein schillerndes Paar. Sie hungern für Sex, trotzen Gefahren und Intrigen, nur um ihre Gene weiterzugeben. Wie wichtig das richtige Licht für die Partnerwerbung ist, wissen Glühwürmchen. Ihr Leuchtorgan sitzt unter einem durchscheinenden Panzer auf der Bauchseite des Hinterleibs. Hier wandelt das Tier chemische Energie in kaltes Licht um, Wissenschaftler nennen diese Fähigkeit Biolumineszenz. Wenn die Käfer ihre Laterne einschalten, erreichen sie eine effektive Lichtausbeute von beachtlichen 95 Prozent, während eine weiße Wärme abgebende Glühlampe nur magere fünf Prozent schafft. Kerzenschein ist zwar 1000-mal heller, aber auch ein Glas voller Leuchtkäfer hilft im Dunkeln Wege zu finden oder sogar Bücher zu lesen.

Wie alle Insekten verwandeln sich Leuchtkäfer im Laufe ihres Lebens mehrfach. Sie passen sich als schwach glimmendes Ei, jugendliche Larve oder erwachsener Käfer ihrer jeweiligen Umgebung an. Überlebt das ungeschützte Glühwürmchenei, mutiert es zur fresssüchtigen Larve. Der Leuchtkäfer-Twen liegt sogar fast 36 Monate im warmen, feuchten Nest unter faulem Holz oder totem Laub und lauert seiner Lieblingsspeise auf, den Nacktschnecken. Mit seinem Gift-Biss tötet er gekonnt die Gärtnerplage. Und dann entschlüpft dem Kokon der energiegeladenen Puppe ein paarungsbereiter Lüstling. Bis zu seinem baldigen Tod ist Fressen tabu, denn es hat nur noch eine Aufgabe zu erfüllen – sich fortzupflanzen.

Wenn das Licht schwindet, beginnen die Wandlungskünstler ihren auffälligen Lichtertanz. Dabei posieren die größeren flugunfähigen Glühkäferweibchen hoch am Grashalm. Naht ein umherfliegender Freier, recken sie ihr Hinterteil in die Luft und zünden ihre Laterne an. Sie kreisen verführerisch mit ihrem Körper; ihr Schein leuchtet bis zu 50 Meter weit. Große Johanniskäfermännchen besitzen keine Leuchtstoffe. Die kleinen liebesbereiten Käfermännchen funkeln um die Wette, um die rundlichen Weibchen für sich zu interessieren. Der Konkurrenzkampf ist groß und eine Nacht mit leidenschaftlichen Leuchtflirtdialogen nur erfolgreich, wenn die Braut keinen weiteren Partner akzeptiert. Denn schon in der Hochzeitsnacht sterben die Männchen, ihr Part ist erfüllt. Den Weibchen bleibt noch die Eiablage, dann verenden auch sie. Nicht überall, denn amerikanische Blaue-Geist-Weibchen und thailändische Glühkäferarten sind fürsorgliche Vollzeitmütter. Sie winden ihren Körper um die abgelegten Eier und hüten sie, bis sie etwa eine Woche nach Eiablage sterben.

Wo Licht die Dunkelheit durchbricht, lauern auch Gefahren. Glühwürmchen stehen auf der Beuteliste diverser Tiere. Sie wissen sich gut zu wehren. Ihr Blut besteht aus einem bitteren Cocktail giftiger Steroide, sogenannter Lucibufagine. Vögel oder Kröten verschmähen die schlecht schmeckenden Leuchtkäfer. Räuberische Ameisen dagegen werden von den Leuchtkäfern durch Reflexbluten einfach festgeklebt. Während sie versuchen, sich daraus zu befreien, flüchtet die Beute. Als Warnung für alle weiteren Interessenten sondern Glühkäfer dazu beim Berühren einen ekeligen Gestank ab. Gefressen werden sie trotzdem, denn Wanzen oder Spinnen stören sich nicht an ihren Abwehrwaffen.

Lange Zeit sammelten Menschen für Forschungszwecke Glühwürmchen, bis Biologen die begehrte Glühkäfer-Genkarte „Luciferase“ nachbauen konnten. Damit spürt beispielsweise die Lebensmittelindustrie mittels Biolumineszenz-Schnelltests durch Bakterien verdorbene Lebensmittel auf.
Einige Käferarten entwickeln merkwürdige Vorlieben. In Nordamerika lebt ein giftstoffarmer Vampir-Leuchtkäfer, dessen Weibchen als „Femme fatale“ mit gefälschten Lichtsignalen Männchen anderer Arten anlockt. Statt Sex zu haben, verspeist sie die getäuschten Freier. Doch nicht aus purer Mordlust: Mit den so aufgenommenen Bitterstoffen schützt sie sich vor Fressfeinden. Eine andere skurrile Art stellen die tagaktiven Dunkel-Glühwürmchen dar, deren Freier mittels Duftstoffen paarungsbereite Weibchen erschnüffeln.

Fast ein Viertel aller bekannten biologischen Insektenarten sind Käfer; darunter sind weltweit rund 2000 Leuchtkäferarten bekannt. Insekten wie sie besiedeln seit Jahrmillionen mit Erde, Wasser und Luft fast alle Lebensräume – bis auf die eiskalte Antarktis. Leuchtkäfer besitzen keine gemeinsame Licht-Sprache. Sie glühen, blitzen oder glimmen im Wettstreit, im Takt, im Rhythmus, nach eigenen Regeln, die nur für ihre Art gelten. Doch ihre Bestände schrumpfen seit Jahren dramatisch. Sie sterben, weil sich ihre Umwelt verändert. Mit dem Abholzen der Mangrovenwälder verlieren sie ihren Lebensraum, Gifte wie Insektizide und Pestizide töten sie und in lichtverschmutzter Umgebung finden sie ihre Partner nicht.

Was aber wäre, wenn es keine Glühwürmchen mehr gäbe? Dann müssten in Taiwan rund 90 000 Interessierte auf eine organisierte Glühwürmchentour verzichten und in den USA fehlten etwa 30 000 Besucher in den Great-Smoky-Mountains, die nur kommen, um dem Liebeswerben der Leuchtkäfer zuzuschauen. Die leuchtenden Geschöpfe bescheren den Menschen traumhafte Sommernächte. Wenn die Traumdeutung Recht hat, sorgen sie für den kleinen Hoffnungsschimmer, der durch die Nächte des Lebens führt.


Buchtipp: „Sara Lewis: Leuchten in der Stille - über Glühwürmchen und das Glück des Moments“, erschienen unter ISBN 978-3-431-03984-9 beim Verlag Bastei Lübbe AG

 

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