Astrologie

Zankapfel Astrologie

Vom Reiz einer „Wissenschaft“, die Forscher bis heute entzweit

Von Dorothee Balzereit

Löwen sind geborene Führernaturen, Zwillinge intellektuelle Luftikusse und Fische die Sensibelchen unter den Sternzeichen. Soweit die Deutung der Astrologie. Dass Persönlichkeitsmerkmale an der Sternenkonstellation zum Zeitpunkt der Geburt ablesbar sein sollen, wird nicht erst seit gestern bezweifelt. Fakt ist aber auch: Bücher über Astrologie verkaufen sich besser als solche über Astronomie. Diese hat seit jeher eine treue Anhängerschaft. In der Regel spaltet sie sich auf in Astrologie-Gläubige und interessierte Zweifler, die nicht an die Macht der Planeten glauben, aber trotzdem regelmäßig ihr Horoskop lesen. Im Mittelalter und vor allem in der Renaissance gehörte Astrologie zum Wissenskanon der Zeit.

Zum Ende des Mittelalters gehörte die Beschäftigung mit Astrologie zum Alltag. Astrologie, Religion und Astronomie waren eng miteinander verwoben. Die sogenannte natürliche Astrologie, die sich mit Vorhersagen zum Wetter, zur Landwirtschaft und zur Gesundheit befasste, war von kirchlicher Seite sogar ausdrücklich erlaubt. So gab es astrologische Almanache, die Regeln für die Landwirtschaft enthielten. Tradiert waren neben den heute als „Bauernregeln“ bekannten wiederkehrenden Gesetzmäßigkeiten eben auch Planetenkonstellationen, die im Hinblick auf die Landwirtschaft gedeutet werden konnten. So bestimmte beispielsweise der sichtbare Aufgang am Osthimmel vor Tagesanbruch eines bestimmten Fixsternbildes den Beginn der Erntezeit. Holz schlug man nur bei zunehmendem Mond, bevorzugt dann, wenn Mond in einem Erdzeichen stand.

In Bezug auf Menschen und Persönlichkeitsmerkmale hielt man sich eher zurück: Die Zahl der Scharlatane und Betrüger war groß. Unter den Vaganten wusste man, dass die Horoskopdeutung heikel war. Ihnen war klar, dass Astrologie stets auch einem Spiel mit dem Feuer war – vor allem, wenn man als Fahrender eben wenig Einfluss im Machtapparat geltend machen konnte.

Dennoch gab es unter Wissenschaftlern, prominenten Kirchenleuten und Herrschern viele, die auf die Astrologie schworen. Römische Kaiser galten bisweilen als abhängig von ihren astrologischen Beratern, andere drohten mit der Todesstrafe. Bereits Karl der Große scharte um seinen Hofberühmte Astronomen und Astrologen. Spätere Herrscher standen ihm nicht nach.

Durch die Zeit hatten die berühmtesten Astrologen ein Hofamt inne: Michael Scotus am Hof Friedrichs des II, Guido Bonatto bei Graf Guido de Montefeltris, Lucas Gauricus – er erstellte unter anderem ein Horoskop für Albrecht Dürer  – bei Johannes Bentivoglio und am Hof von Papst Julius II. und viele andere. Selbst Johannes Kepler, der zu den Begründern der modernen Naturwissenschaften zählt und bei der Kirche mit seinem kopernikanischen Weltbild (die Planeten kreisen um die Sonne) auf erbitterten Widerstand stieß, war Hofmathematicus am Prager HofKaiser Rudolfs II. und zuletzt astrologischer Berater General Wallensteins.

Zu Zeiten von Paracelsus (1493-1541) erwartete man von einem guten Mediziner, dass er in Sterndeuterei firm ist, in medizinischen Abhandlungen gab es Abbildungen vom Menschen im Zusammenhang mit dem Tierkreis. Die Ärzte bedienten sich der Astrologie zur medizinischen Prognostik, denn schon Hippokrates sagte: „Ein Arzt ohne Kenntnisse der Astrologie hat kein Recht, sich Arzt zu nennen“. Bis ins 17. Jahrhundert waren Astrologie und Astronomie untrennbar verbunden, als Hochzeit der Astrologie gilt die Renaissance. Das rege Interesse schlug sich sogar in den Künsten nieder: ob als in Stein gehauener Wandschmuck, in Metallplatten eingraviert oder in Fresken gemalt: Astrologie war in.

Allerdings nicht zum ersten Mal. Die Grundlagen zur Erstellung eines Horoskopes waren schon im Hellenismus und in der Spätantike geschaffen worden.

Im Zeitalter der Aufklärung wurde es dann ernsthaft kritisch für die Astrologen: Als Folge der epochalen wissenschaftlichen Erkenntnisse von Kopernikus, Kepler und Galilei wurden die Horoskopsteller jedoch aus den Universitäten verbannt.

Doch der Streit um die Astrologie ist eigentlich so alt wie die Geschichte der Himmelsbeobachtung selbst: nämlich etwa 4000 Jahre. Während sie bei den alten Ägyptern streng an den Priesterberuf gekoppelt war, trennte sich dies bei den Griechen langsam ab. Und schon die griechischen Gelehrten lieferten sich hitzige Diskussionen, Plato rechnete schon um 400 v. Chr. mit dem raschen Ende der Astrologie.

Heute lässt die Idee, dass das Schicksal an die Konstellation von Planeten gekoppelt ist, Wissenschaftlern die Haare zu Berge stehen. „Eine intellektuelle Zumutung“, nannte der berühmte Astronom Sebastian von Hoerner die Vorstellung, dass der Saturn (mindestens 1,19 Milliarden Kilometer entfernt) oder Pluto (4,28 Milliarden Kilometer) Einfluss auf das persönliche Schicksal nehmen könnte.

Der britische Autor und Evolutionsbiologe Professor Richard Dawkins beschrieb die Astrologie in seinem Buch „Der entzauberte Regenbogen“ als „ästhetische Zumutung“. Ihr präkopernikanisches Geplänkel erniedrige die Astronomie und werte sie ab – „als ob man Beethoven für plärrende Werbespots verwenden würde“. Eine Beleidigung sei es zudem für die wissenschaftliche Psychologie und den Facettenreichtum des menschlichen Charakters.

Im Jahr 1975 unterschrieben 186 namhafte Forscher und Nobelpreisträger ein Manifest gegen die Astrologie. Und die Astronomen im Rat deutscher Planetarien (RdP) verabschiedeten 1996 eine Erklärung, in der gefordert wird, Astrologiekurse aus dem Programm der Volkshochschulen zu verbannen. „Öffentliche Bildungseinrichtungen, die mit Steuergeldern finanziert werden, haben die Aufgabe, die Astrologie als das darzustellen, was sie tatsächlich ist, nämlich Aberglaube und Pseudoreligion“, wetterten die Wissenschaftler.

Einer, der das ganz anders sieht, ist Dr. Peter Niehenke. Der studierte Mathematiker, Physiker und Psychologe hat sogar zum Thema „Kritische Astrologie“ promoviert. Niehenke setzt auf die „Melodie“ der Planeten, „die ein bestimmtes Lebensgrundprinzip in uns weckt“.

Die Wirkung erklärt Niehenke über eine Theorie Keplers, den „instinctus geometricus“, der zum ganzheitlichen Denkansatz passt: Die menschliche Seele sei sensibel für geometrische Proportionen, glaubt Niehenke. Wie sich das Ohr an wohlklingenden Tönen labe, wirkten bestimmte geometrische Winkelverhältnisse zwischen den Planeten, sogenannte Aspekte, auf uns.

Immer wieder gab es Versuche, die Astrologie statistisch zu belegen. Niehenke schätzte besonders die Untersuchungen Michel Gauquelins. Der französische Psychologe und Statist entdeckte den sogenannten „Mars-Effekt“ bei Sportlern. Überdurchschnittlich häufig nahm der Mars (Symbol für Energie und Kampfkraft) im Geburtshoroskop von 2088 untersuchten Spitzensportlern eine dominante Stellung ein. Später wurde allerdings festgestellt, dass der Effekt wahrscheinlich durch falsche Angaben von Eltern zu den Geburtsdaten ihrer Kinder zu erklären ist.

Der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern der Astrologie ist auch heute noch tief. Nach einer Umfrage des Statistikportals statista glauben immerhin 23 Prozent der Befragten, dass die Sterne unser Leben beeinflussen, aber nicht die einzigen Einflussfaktoren sind. 51 Prozent glauben, dass die Sterne keinen Einfluss haben und 32 Prozent lesen Horoskope, glauben aber nicht wirklich daran.

Während Wissenschaftler wie Dawkins finden, dass die Astrologie gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt, weil ein Haufen Leute über einen Kamm geschoren wird, fragen horoskopgläubige Zeitgenossen, warum neben Sonne und Mond nicht auch andere Planeten Einfluss auf unser Leben haben sollten, auch wenn er (noch) nicht messbar sei.

Vielleicht könnte man es so halten: Wer Räume zur Entfaltung braucht, in dem naturwissenschaftliche Grundsätze nicht maßgeblich sind, dem sei es gegönnt. Solange er nicht andere missioniert.

 

Astrologie 2